Von der Schwäche linker Extremisten

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Komisch, die ersten Reflexionen über den Ort, der über zwei Monate mein zu Hause war, fallen mir so schwer. Immer wieder setze ich an, um einen Anfang zu finden, zu erinnern, was und wie gewesen ist. Ist wohl nicht so viel passiert in dieser Zeit. Naja, den Winter habe ich gehen sehen, in den letzten Tagen war dann das morgendliche Konzert der Vögel vertrauter als der wochenlange Schnee in den Wintermonaten. Der Duft der sich langsam in Blüte werfenden Bäume und der Gong der Dorfkirche am Morgen, der mich persönlich immer zur Arbeit ruft. Als wäre alles immer so gewesen.

Kurorte haben eigene Uhren und lehren Gemütlichkeit und Ruhe… und Bad Elster ist ein solcher Kurort. Im sächsischen Vogtland an der Grenze zu Böhmen gelegen liegt es ca. 500 bis 600 Meter hoch, 7 Kurkliniken, 3600 Einwohner (inklusive umliegende Dörfer) und hat wie so viele Orte Deutschlands schon einmal Goethe bewirtet (Quelle: u.a. Wikipedia). Das Werbevideo auf der Homepage zeigt lustige anzuschauende Menschen mit barocken Perücken auf Kutschen. Die Zuschauer der Parade sind in der Mehrzahl auf Krücken gestützt und in Lebensjahren meiner Elterngeneration deutlich voraus.

Bahnhof

Am Bahnhof falle ich in die Zeit des Ortes: Der Bahnhof liegt tatsächlich hinter dem Berg, der Zug traut sich dort nicht mehr in das schmale Elstertal und lässt die Besucher, die dem vogtländischen Schienennetz vertrauen, genau hier zurück, etwa 2 km vor dem Ortskern, umgeben von Natur. Die Bahnhofsuhren stehen sicherlich seit Jahren, die Fenster sind zugenagelt. Den Bahnhof verbindet immerhin ein Bürgerbus – von Bürgern und für Bürger – welcher versucht, synchron mit den Zügen die Reisenden zu ihrem Ziel in der Zeitlosigkeit zu bringen. Mein Ziel war der Sonnenhof, eine Pension, in der ich ein Zimmer bekam für die 10 Wochen, während derer ich Rehabilitationsmedizin kennenlernen wollte. Da die „normalen“ Zimmer nicht frei waren, wurde mir eine Suite zugeteilt, ungläubig zu Beginn, im Verlauf dann immer sicherer in der Tiefe dieses Raumes bekam ich Gefallen an den Panoramafenstern zur Wiese vor meinem Fenster, obgleich ich auch im Verlauf immer wieder staunend die 12 wirklich recht großen Schritte vom Fernseher zur Küchenzeile am anderen Ende des Zimmers zählte.

Bad Elster konnte nichts dafür, das es sich mir zu Beginn verschlafen vorstellte: durch die kurze Jahreszeit, in welcher die hellen Stunden des Tages von der Arbeitszeit verschluckt werden, begegnete mir dieser Ort fast ausschließlich in der Dämmerung der Farben nach Sonnenuntergang. So pendelte ich durch den glitzernd kalten Schnee stapfend zwischen Edeka, Buchhandlung, Bäcker und Feinkostladen. Der Badeort achtet sehr auf Sauberkeit und Benehmen, dabei um Eleganz und Äußerlichkeit bemüht. Mir wäre nie in den Sinn gekommen, mit Bier in der Hand über den Kurplatz zu gehen, und so spielten sich die Abende fast ausschließlich in meiner Suite im Sessel am Fenster ab. Ohne Ablenkung bin ich lesend Nooteboom, Thoreau, Blom, Theroux und Kermani auf Reisen in die Welt gefolgt.

Bad Elster wäre kein Bad, wenn die Kurkundschaft nicht in Vorzüge einer Therme geraten könnte. Die Sachsentherme bietet der arbeitenden Bevölkerung den Mondscheintarif an, ab 18 Uhr 30 % Preisnachlass, das Komplettprogramm dann doch gewöhnungsbedürftig kostspielig, und die Beurteilung, ob es das Geld wert war, war aufgrund meiner allgemeinen Unkenntnis der Wellness und Spa-Programme in anderen Bäderorten nicht möglich. Ist auch egal. initial und auch final pflichtbewusst tastete ich mich auch in Ermangelung von spannenden Alternativen an das Badeprogramm heran, und wäre dann noch fast in einem Moorbad gelandet. Ein besonderes Erlebnis war trotz allem das so viel beworbene Schweben in der Sole. Mein Schweben war dann ein ambitionierter Versuch, meinen ganzen Körper unterzutauchen: im Wasser „toten Mann“ mimend war ich eine gefühlte Ewigkeit beschäftigt, die Füße am anderen Ende meines Körpers unter Wasser zu drücken. So lag ich dann -„toter Mann“ und amüsiert – und kämpfte für die Schwerkraft meiner Zehen im gnadenlosen Auftrieb der Sole. Das Honig und Salz Peeling in der Salzsauna war eine weitere Erfahrung.

In der Marienquelle am großen Platz kann jeder kostenlos probieren von den verschiedenen Quellen. Mineralgehalt und Wirksamkeit der einzelnen Quellen werden detailliert aufgelistet, Beratung inklusive, was hilft bei „Rücken“ oder „Magen-Darm“. Ich kann mich nicht entscheiden und trinke alles durcheinander, und entsprechend fühle ich mich danach, dass ich mich dann doch ganz schnell gegen eine Trinkkur entscheide.  

Das Kurprogramm wurde abgerundet durch regelmäßige Veranstaltungen Chursächsischen Philharmonie, zum Beispiel im mondänen König Albert Theater und ich nahm Platz zu den „vier Jahreszeiten“-Konzert der Kammerorchesters, das sich programmatisch um das ortstypische Publikum bemüht. Eine Diashow über eine Radtour nach Wladiwostok an einem anderen Abend erinnerte mich schon im Kurmodus an die Welt und Zeit dort draußen.

Begegnungen bei der Arbeit sind im Sanatorium jenseits der Akutmedizin vielseitig. Ich entdecke auf ganz andere Weise das Leid der gelähmten Patienten und wie sie mit den Therapeuten versuchen, das in den Griff zu bekommen. Und dass manchmal einfach nicht können wie sie wollen, und nicht nur die Therapeuten verzweifeln, wenn das Bein nicht will wie es soll, und Ansporn und Hoffnung Berge und Täler durchschreiten. Für mich gilt es auch zu entdecken, dass nicht können eben nicht können ist, und nicht nicht wollen, und allein die Fähigkeit zu bewegen noch keinen sicheren Gang macht, wenn die Wahrnehmung des Körpers gestört ist – klinische Relevanz von Apraxie und Neglect bei strukturellen Hirnerkrankungen. Und es findet sich Zeit, die Arbeit der Therapeuten zu entdecken. Das sind Möglichkeiten, die dem rein in der Akutmedizin arbeitendem oft verschlossen bleiben.

Andere Störungen lerne ich mit Gelassenheit zu begegnen. Mein logopädischer Kollege hat mich mehr als einmal darauf hingewiesen, dass die gezielte mikrogeographische Anamnese bei der Erfassung einer Sprechstörung noch vor der Untersuchung kommt. „Erst mal schauen, aus welcher Ecke die kommt, bevor ich das als Dysarthrie durchgehen lasse“, und manche Ecken und Täler dort gelten als „besonders schlimm“. Mit Selbstironie begegnen die Vogtländer hier ihrem Handicap aus „hor“ und „nor“. Und zu besonderer Erheiterung führte auch immer mal wieder die Sprechvervollständigung des Computerprogramms bei der Kodierung der Diagnosen, derer sich meine Kollegen, die aus fernen Ländern immer noch die Feinheiten der deutschen Sprache erforschten, besonders gerne bedienten. So dekodierten wir in einer Teamsitzung die „Schwäche linker Extremisten“ bei rechtem Hirnschlag als „Parese des linken Armes und des linken Beines“, und hoben so das zu behandelnde Problem aus der politischen Betrachtung in das richtige -hier medizinische- Licht.

Mit den länger werdenden Tagen konnte ich mich manchmal doch vortasten in die Winterlandschaft, und nach vielen nassen und ungemütlichen Berliner Wintern habe ich dann doch immer ausgedehntere Spaziergänge und die Winterlandschaft genossen, Zeit verbracht mit Tierspuren lesen und Schneeengel verfolgen, und in eine elegant verschneiten Winterwelt zu horchen, die selbst den Wind in den bepuderten Bäumen verschluckt und damit die Akustik der Stille ganz neu definiert.

An einem freien Tag spazierte ich flussaufwärts zu einem böhmischen Dorf, ein Kollege hat mir so viel von großen Tellern mit deftigen tschechischen Gerichten erzählt und ich mache den Spaß mit. dazu böhmisches Schwarzbier. An der Grenze gleich – Klischee?- ein immer geöffneter Supermarkt mit Karlsbader Oblaten, Bercherovka und billigem Fleisch – Förderung von Verkehr über die Staatsgrenzen hinaus ohne Schlagbäume oder grimmigen Grenzschutz mitten in Europa.

So erkundete ich in kleinem Radius meinen persönlichen Zauberberg, wissend, dass für mich die Zeit begrenzt ist. Die Wiederkehr der Vögel im März verkündet auch den Aufbruch. So verließ ich dann in Frieden früh morgens den Ort auf meinem Fahrrad, rollend durch das Tal und entlang der weißen Elster. Sonnenschein beflügelt, ich fliehe nicht, und doch machen die Leichtigkeit und der kühle Fahrtwind Freude und ich finde im Elstertal ganz langsam den Rhythmus meiner Zeit wieder.

Nachtzug nach Portugal

Mal wieder Urlaub, und ich will zugfahren, Sonne, Meer, Berge, Bewegung und gutes Essen. Und dann ist Portugal gar nicht mehr weit in den Gedanken. Und tatsächlich ist Berlin – Lissabon auch ohne Flugzeug mit nur 2x umsteigen möglich!

Ideale Einstimmung auf das Reisen fand ich am ZOB vor. Einer der letzten warmen Abende in Berlin. Der Bordstein war noch sonnengeheizt, im Abendlicht gab es dann Weingummis und Bier, und in aller Ruhe der Blick auf das hektische Treiben der Ankommenden und Abfahrenden. Und schlafen im Bus war dann ganz einfach, denn ich war müde und hatte Musik auf den Ohren…

Berlin

In Paris hat mich das Morgengrauen empfangen, und mit in die Stadt genommen, die glänzende Seine vor den ersten Sonnenstrahlen war so wunderbar und friedlich. Keine Hektik, weder die Stadt noch ich, und wir haben gut harmoniert bei Milchkaffee und Croissant. Meinen langen Schatten folgend lief ich durch die noch einsamen Straßen und fand das erste Leben im „Jardin du Luxembourg“. Hier halten sich die Pariser also morgens auf, und präsentieren sich als ambitionierte Jogger, die auf dem Kies ihre Runden drehen. Eine große Stuhlreihe um den zentralen Garten herum war noch ganz leer, dass ich freie Platzwahl hatte, und natürlich habe ich den Platz in der Sonne gewählt (es gab auch nur Sonnenplätze – ein sehr sehr großzügiger und einladender Garten) und mein Frühstück ausgepackt und „die Geschichte von Herrn Sommer“ gelesen.

 

Und bis zum Abend war ich schon dank TGV in Hendaye, zweiter Umstieg. In der Grenzstadt habe ich im Abendlicht bei 30°C eine Stunde Aufenthalt und trinke Bier, dazu Quiche und baskisches Gebäck.

HOT313: HOT steht wahrscheinlich für Hotel und der Zug 313 wird mich durch die Nacht nach Portugal bringen. Ich teile mir ein Abteil mit 2 weiteren Deutschen und einem Japaner, alle auf dem Weg nach Lissabon, alle gleich aufgeregt, weil eben „Nachtzug“ und „Lissabon“ eben triggert, was über Schienenstränge und Schlafwagenabteil hinausgeht… Trotzdem ist der Zug nicht einmal halb voll, nicht schlimm, denn die Freude an der Langsamkeit des Reisens lässt sich eh am besten mit weniger Menschen teilen. Ich weiß dann nach Abfahrt allerdings nicht so richtig etwas mit mir anzufangen und setze mich in den Speisewagen, mehr eine Bar und warte mit Musik auf den Ohren und Notizbuch vor mir auf der Theke auf die Nacht. Langsam füllt sich der Restaurantwagen, ich trinke Superbock, mein erstes portugiesisches Bier. Dabei beobachte ich die mehr oder weniger zugverliebten Reisenden jedes Alters, die kommen und gehen.

 

Der Zug fährt dann so langsam, das der Sturm Leslie vor mir in Lissabon ist, und dieser nimmt die Atlantikküste wohl doch so sehr in Anspruch, dass auf der Zugstrecke irgendwann nichts mehr geht und wir einfach stehen – über Stunden. Keiner der Passagiere oder des Personals weiß, wie und wann und ob es weitergeht. Einige Reisende verlassen den Zug und finden Busse oder Taxis, die sie weiterbringen in Richtung Zielort. Ich bleibe im Zug, das Personal ist ja schließlich auch noch da. Quälend wird vor allem der leere Magen, wollte ich doch eigentlich zum Frühstück in Lissabon ankommen. Der Restaurantwagen ist nicht mehr geöffnet, der Chef des Zugrestaurants ist dann aber doch gnädig und macht mir ein Toast mit Schinken und Käse. Das verkürzt die Zeit und dann sind wir tatsächlich irgendwann in Lissabon, am späten Nachmittag aber immerhin noch bei Tageslicht, dass ich mir in Ruhe eine Unterkunft suchen kann. Zur Ankunft esse ich Maronen vom Straßengrill. Die nächsten Tage streife ich durch die Stadt, immer bewusst und ziellos verliere ich mich in den Straßen der Stadt.

 

Meine Top 5 Lissabon:

Bäume: Toll, wie sie sich immer in die engen Straßen zwängen und wie Kommensalen mit dem Treiben interagieren. Viele wahrscheinlich älter als die Ältesten hier, spenden im Sommer Schatten und helfen der so dichten Stadt beim Atmen.

Nachtspaziergang: Ich finde die besondere Schönheit im spärlichen Licht der Laternen und abseits der Touristenströme, die Kacheln der Häuser scheinen besonders intensiv im orangenem Licht und ich vergesse einfach zu schauen, wo ich bin.

Straßenbahnen: Ich beobachte, wie elegant sie die Berge rauffahren, und will mich trotzdem nicht hineinzwängen. Aber ich winke gerne den Fahrgästen zu, weil auch kleine Gesten zählen.

Die Treppen und die Steigen: 7 Hügel sollen es sein, sagt Fernando Pessoa (so wie Stuttgart oder Rom). Ich habe viel mehr gezählt, und meine schweren Beine am Abend sind gute gute Argumente, dass es mehr als 7 sind.

Kacheln: Es hat wirklich jedes Haus sein eigenes Muster

 

 

Camino Portugues

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Beim zweiten Teil der Reise werde ich begleitet von Sonja, wir treffen uns am Bahnhof in Porto und sind gleich schon unterwegs zunächst durch die Stadt und zur ersten Unterkunft. Ich bin beeindruckt von den Türen und Balkonen der alten Häuser und den leuchtenden Farben der Stadt. Wir verirren uns in einer exzentrischen Buchhandlung und hören den Räuberpistolen eines der Angestellten zu. In Porto bin ich morgens beeindruckt von dem Kreischen der Möwen, das noch viel lauter und herzzerreißender ist als das einsamer Katzen. Und jede Pastelaria entlang unserer Wege hält ein Pastel de Nata für uns bereit.

 

Gekonnt setzen wir uns dann auf dem Weg nach Santiago de Compostela von den Pilgerströmen ab. Uns wird bewusst, dass wir nicht jede Entbehrung abgenutzter Pilgerherbergen erfahren können ohne Pilgerausweis, dem offiziellen Mitgliederausweis der Leidensbrüder und -schwestern. Ohne den käuflich zu erwerbenden Pilgerausweis und damit die Aufnahme in den Club der Priviligierten können wir also keine Barmherzigkeit erwarten. Es geht aber in der Nebensaison dann auch mit Hotels und Pensionen; und dass wir Busse nehmen, wenn Orte oder Leute auf den gut ausgeschilderten Wegen öde erscheinen, verraten wir nur ausgewählten Mitpilgern. So kommen wir, in angenehmer Gemütslage, und wenn nicht, dann eben nach ausgiebiger Siesta im irgendwo, auch irgendwie und irgendwann in Santiago de Compostela an. Und Blasen haben wir trotzdem an den Füßen, haben ja trotzdem oft weit über 20 Kilometer am Tag zurückgelegt.

 

 

Meine Top 5 auf dem Camino:

Das gemeinsame Reisen: knüpft natürlich Bedingungen, und einmal darauf eingelassen erweitert es die Blickweite und die Horizonte – in manchen Augenblicken ganz entscheidend. Und so hat die eine oder die andere vermeintliche Schnapsidee meiner Reisebegleitung die Tür zu wunderbaren Orten und Ereignissen geöffnet, und sowieso können Quatschen und Albern sehr befreiend sein.

Atlantikstrand: Schuhe aus und den weichen Sand spüren; Blick auf den Boden, die wundersam leuchtenden Steine in der Oktobersonne erzählen ihre Geschichten durch unsere Fantasie. Und Erfrischung findet sich immer mal wieder zwischen den Wellen und Wogen.

Weintrauben/Früchte am Wegesrand: Wir sind fasziniert, dass selbst nach der Ernte immer noch Trauben an den Weinstöcken zu finden sind. Zu Beginn stellen wir im Übereifer und in gekonnter Teamarbeit mit echter Räuberleiter selbst 3 einzelnen Trauben in schwindelerregender Höhe über uns nach. Später stopfen wir in den Weinfeldern die Trauben nur so in uns hinein, bis die Zunge blau und mir zumindest schlecht wird. Und der Vinho Verdhe ist eigentlich eine eigenen Geschichte… Ebenso die Äpfel, Mandarinen und Feigen…

Bacalhao/Fisch: Schmeckt so wie das Meer riecht und umgekehrt. Und so bin ich den ganzen Tag hungrig oder satt oder beides zugleich. Es hat immer besondere Freude gemacht, die Orte zum Speisen abseits der Touristen und auf Empfehlung der Menschen von der Straße zu finden. Und Essen ist dann auch immer viel mehr als das Füllen des Magens.

Santiago de Compostela vor Sonnenaufgang: Der Morgen gehörte als Morgenmensch immer mir und ganz allein, und wurde gefüllt durch die Suche nach dem Kaffee als Start in den Tag. In Santiago fand die Suche in den kleinen Gassen noch im Schein der Laternen statt, der ganz allmählich abgelöst wurde durch die Lichter der anbrechenden Tages. Eine wunderbare Stimmung zum Abschluss der Reise.

 

Aus der Spitzenstadt

Es braucht manchmal ein paar Tage, um einen neuen Ort aus eigener Perspektive zu entdecken. Klar bin ich voreingenommen, werden die Schlagzeilen über diese Gegend doch durch die rechte Hetze dominiert, dazu eine aktuelle Recherche der Taz im September auf drei Seiten: „Es brennt in Plauen“ – eine Reportage über mutmaßlich fremdenfeindliche Übergriffe, wo Polizei und Staatsanwaltschaft trotz eindeutigen Hinweisen keine Parallelen ziehen wollen, und die Serie von Brandanschlägen auf von Romafamilien bewohnte Häuser als Einzeltaten und ohne rassistischen Hintergrund darstellen. Gruselig… wie sollen da Reisegeschichten auf den Straßen oder in den Schlaglöchern der Stadtgeschichte wachsen?

Plauen im Vogtland war die nächste Etappe in meinem Wanderarbeiterleben. Hier wird der mit dem Zug reisende Ankömmling am oberen Bahnhof in einer übergroßen und meist ganz leeren Bahnhofshalle empfangen, der ausladende Bau aus den Nachkriegsjahren soll mal der Modernste des Ostens gewesen sein und sogar Walter Ullbricht war hier zur Einweihung Anfang der 70er.

Als ich nach einer Ankunft die beiden Wächter am Ausgang des Bahnhofes sehe, steige ich in Provokationslaune in der Halle auf mein Rad. Beim Passieren schauen die Polizisten grimmig „Sie wissen aber schon, was sie gerade falsch machen?“ fragt der eine. Ich bin doch ganz allein, wen soll ich denn totfahren? „Ja, aber die Bahnhofsordnung gibt es nicht ohne Grund“… Willkommen in Sachsen!

Für meine eigene Perspektive auf den neuen Ort helfen mir dann ein ausgeglicheneres Gemüt und offene Augen, und eine Nase. Und natürlich etwas Glück beim Streifen durch die Straßen. Und so kamen wir nach einer Woche zusammen, die „Neue Plauener Kaffeerösterei“ und ich. Und das wurde rasch der Ort, an dem ich immer wieder zurückgekehrt bin für einen Espresso, zum Lesen oder um Geburtstagsgeschenke zu kaufen. Und jedes mal gab es einen Stempel auf meiner Rabattkarte. Es wird vor Ort geröstet, und der Laden duftet wunderbar. Ich kann auswählen zwischen äthiopischem, kenianischem, brasilianischem Kaffee sowie Kaffee aus Guatemala, alles Bio und Fair und wahlweise mit Aroma von Nuss, Nougat, Heidelbeere, Aprikose oder bodenständig und kräftig – wer es nicht so fruchtig mag. Kenne ich sonst nur von den Beschreibungen versierter Weinverkäufer. Ein besonderer Genuss ist allgemein der frisch aufgebrühte fruchtige, nach Heidelbeeren schmeckende äthiopische Filterkaffee – im Zeitalter der globalen Hipsterinvasion ist diese Retrotechnik der Kaffeezubereitung auch (wieder) in Plauen angekommen. Ehrlich gesagt habe ich ganz vergessen, wie lecker der Kaffee mit dem Porzellanfilter bei Oma in der Küche war.

Plauen ist eine der alten Prachtstädte aus der Zeit der Industrialisierung, um die vorletzte Jahrhundertwende mit über 120000 Einwohnern noch Großstadt, leben heute etwa 60000 Menschen hier, Tendenz aktuell noch weiter sinkend. In der Blütezeit war Plauen berühmt für seine Textilverarbeitung, besonders die „Plauener Spitzen“. Alte Weberhäuser entlang der weißen Elster sind heute als kleine Museen erhalten (wenn auch derzeit nicht geöffnet). Das Zentrum wird dominiert von den Häusern aus der Gründerzeit, als Plauen durch die Maschinisierung der Textilherstellung und der Plauener Spitzen besonders rasch zur Großstadt heranwuchs. Und noch vor 100 Jahren hatte die Stadt die höchtste Millionärsdichte, erzählen mir meine Kollegen.

Die Innenstadt liegt im Tal und die Fahrt bergab vom oberen Bahnhof wirkt auf leerer breiter Straße wie eine Zeitreise – entlang der Plattenbauten – und kein Auto das auf den leeren Straßen stört. Nur der Fahrtwind berauscht die Ohren und ich lehne mich dagegen auf dem Weg in das fein hergerichtete alte Zentrum der Metropole des Vogtlandes.

Plauen war mir schon als Kind ein Begriff, als fleißiger Klappentextleser wusste ich, das die Geschichten von Vater und Sohn von einem e.o.plauen verfasst wurden: Erich Ohser aus Plauen. Und in Plauen ist man stolz auf diesen Bürger, ihm ist hier ein Haus, eine Statue und ein Kunstpreis gewidmet. Durch seine kritische Haltung als politischer Satiriker hat der berühmteste Plauener Bürger den Nationalsozialismus übrigens nicht überlebt, er tötete sich selbst und entging so der Hinrichtung durch die Nazis.

Durch die Stadt streifend entdecke ich weitere geschichtsträchtige Ereignisse: ein Gedenkstein am Malzhaus erinnert an das letzte Konzert von Rio Reiser, das hier in Plauen stattgefunden hat. Das Malzhaus ist überhaupt das kulturelle Zentrum von Plauen, hier werden auch die Bewerber und Sieger des e.o.plauen Wettbewerbs ausgestellt, in einer Kellerkneipe finden Buchvorstellungen statt und von dem dazugehörigen Biergarten ist der Blick auf das Elstertal besonders schön. Und mehrmals im Monat werden Arthouse Kinofilme vorgeführt. Abende in Plauen lassen sich ganz gut füllen.

Durch die Nachtdienste bei meiner Arbeitsstelle habe ich auch ganze freie Tage, quasi als Entschädigung, dass ich die Nacht im Krankenhaus verbringe. Bei besonders schönem Wetter fahre ich mit dem Rad raus aus der Stadt. Das Vogtland ist durchgehend hügelig und Richtung Süden wird es sogar richtig bergig. Die kleinen Straßen sind leer, ich kann die Anstiege schaukeln und kurven wie ich will, um muss mich nicht um Fährräder jagende Trucks von hinten oder vorne sorgen. Kurze Kopfsteinpflasterpassagen immer mal wieder – ohne Gepäck fluche ich dann höchstens kurz und bilde mir ein, dass ich die Massage der Oberarme und der Wirbelsäule genieße. Die Felder sind schon abgeerntet, ich passiere gegen mächtige Staumauern gelehnte ruhende Seen. Die Orte sind auf Wintertourismus aus, im Spätsommer sind nur wenige Cafés und Restaurants geöffnet. In Schöneck finde ich aber einen Ort zum Rasten: der „erste Biobäcker im Vogtland“ hat offen und ich gönne mir einen Kaffee und ein Gebäck.

Bayern ist ganz nah, und manchmal mache ich rüber nach zum Schäufele essen nach Franken. Das ist ungefähr die Strecke des Ballons, habe ich gehört; und durch die grüne Zone führt nun ein wunderbarer Radweg…

Und dann das so ersehnte „Highlight“: Pausa liegt im nördlichen Vogtland, gute Fahrraddistanz von Plauen und ich mache mich an einem weiteren Tag auf zum Mittelpunkt der Welt. Der Herbst ist mittlerweile da und auf dem Rad hätte ich auch schon Handschuhe tragen können. Pausa macht dann schon am Ortseingang auf seine herausragende Stelle auf diesem Erdball deutlich. Das, worum sich hier alles dreht, ist gut ausgeschildert, und rasch stehe ich vor dem Rathaus mit dem großen Globus auf dem Dach: „Mittelpunkt der Erde“. Warum das so ist, das hat sich in den Sagen und Märchen des Vogtlandes verzettelt. Ich finde die Erklärung von meinem Oberarzt am überzeugensten, dass die Erde irgendwie schief steht oder die Achse gekrümmt ist oder so ähnlich, und zwar in einem speziellen Winkel und da liegt eben Pausa, ist eben so – oder so. Und so kommt es, dass sich alles um Pausa dreht, das ist Fakt! Und nicht Berlin, Paris oder Manhattan, ha! Und für 50 Cent geht im Rathausgewölbe ein Licht an, und ich kann auf die Erdachse schauen, und sie sogar ölen! Ich öle sie für 50 Cent, will unbedingt, dass sie sich noch ein paar Jahre dreht. Und damit das auch so bleibt, gibt es in Pausa die Erdachsendeckelscharnierschmiernippelkommission e.V., die sich um alles kümmert. Jawoll, darauf einen Kaffee und einen Kuchen. Denn sie bewegt sich (doch) noch!

Die letzten Tage vereinnahmen mich die Plauener Spezialitäten, hier meine Top 5:

  1. Plauener Spitzen, eine Tischdecke aus Löchern kaufe ich für mich, denn auch ich will es mal schön haben zu Hause!
  2. Plauener Kaffee besorge ich für die ganze Bande, es gibt zwar auch einen Onlineshop, aber so spare ich Porto.
  3. Bambes. Wusste zuerst nicht, was das eigentlich ist, hab es gegoogelt und bin dann in das „Matsch“ eingekehrt, das älteste Restaurant im Ort – seit 1500 durchgehend warme Küche oder so. Und ein Bambes-Burger: leckeres Räucherfleisch und Sauerkraut zwischen zwei Kartoffelpuffern. Genial! Wenn nicht hier, dann hätte ich das in einem Foodtruck auf einem alternativen Festival gefunden. Glutenfrei und aus kontrolliert ökologischem Anbau, knorke!
  4. Sternquell kommt aus Plauen und ist so ca. angesiedelt zwischen Urquell und Sternburg. Und damit voll trinkbar. Und es gibt zeitgemäß neben Pils auch Kellerbier und Kellerbier naturtrüb.
  5. Schrippe mit Vogtländer Knacker ist in jedem Supermarkt und sogar in der Kantine der Klinik zu haben und zu jeder Tageszeit ein echter Hit.

Zwischenstopp in Leipzig

Bei zwei Stunden Aufenthalt in Leipzig auf dem Weg nach Berlin bin ich mal wieder durch meine Studentenstadt. Die Regionalbahn von Gera kommend hält bequem in Leipzig-Plagwitz, dass ich gemütlich mit dem Rad auf dem Weg zum Hauptbahnhof durch die neu sanierten Stadtteile gondeln kann. Schon spannend zu sehen der Wandel in der Stadt. Ok:,Zeitraffer: war ja auch an vielen Stellen hier 10 Jahre nicht mehr gewesen. Und dann mein ehemaliges Wohnviertel „Lindenau“! Damals haben in meinem Hinterhof in aller Regelmäßigkeit die Mülleimer gebrannt, und alles war eigentlich nur billig und schäbig dort. Kaum einer hat dort freiwillig leben wollen. Jetzt steht da ein Hipsterlokal neben dem anderen, genau da wo meine Nachbarn immer mit Bierflaschen in der Hand den Straßenbahnen der Linie 7 nach Böhlitz-Ehrenberg nachgeschaut und mir beim vorbeiradeln einen guten Morgen oder guten Abend gewünscht und ein Bier angeboten haben. Die Straßen wirken teilweise schon fein und aufgeräumt und in dem neuen Schawarmaläden am Markt in Lindenau spricht man mich auf englisch an. Nur halbherzig zu wehren scheint sich die Leipziger Seele gegen den Einzug des Kapitals und der Touristen aus den Metropolen der Welt.

Meine alten Nachbarn habe ich leider nicht mehr gesehen.

 

Berlin – Sarajevo

Die Idee war da schon lange, als ich im Juli Zeit für diese Tour gefunden habe. Ordentliche Strecke, wenig Jahresurlaub, dass ich geplant hatte, mit dem Rennrad die Strecke zu machen. 1200km grob, 12 Tage wollte ich unterwegs sein, irgendwie wollte ich das meinem Klapprad nicht zutrauen.

Die erste Etappe nach Görlitz hatte ich Begleitung, und Robert kann wirklich radeln. Früh sind wir los, ein paar Kilometer raus aus der Stadt mit dem Zug; wir wollten die langen Geraden Brandenburgs und nicht die Schatten der Häuser in der Hauptstadt. Gute 150km sind wir auf fast ebener Strecke überwiegend zusammen geradelt, und erst im Süden am Neiße-Radweg war ich dann abgehängt und schließlich gute 30 Minuten später als er in Görlitz (nun ja, eher schmeichelhaft). Immerhin, knapp über 200km am ersten Tag gefahren.

Und Görlitz…, der Leerstand der Immobilien entlang der teilrenovierten Prachtstraßen war dann doch verstörend. Trotzdem bot es in tiefster Tristesse Raum für ganz unerwartete Begegnungen: am Brauhaus der Stadt konnten wir ein Wegbier („ausnahmsweise“) vom stolzen Pförtner kaufen, und wurden dann  – quasi als Belohnung für das mutige Anschnorren – professionell in die Bier- und Trinkkultur eingeführt: die verschiedenen Schenkmethoden von Pils und Kellerbier und die Handhabung der Flasche bis zum Entfernen des Kronkorkens. Wir waren uns einig, diese Begegnung ist eine eigene Reisegeschichte wert. Und das schlesische Essen in Görlitz und den trägen Blick auf die länger werdenden Schatten der Häuser haben wir uns nach dem Tag verdient. Und später noch Zuckerwatte – ein Tag für Geschichtensammler!

Rennrad auf Tour ist doch anders, auch wenn ich vorher viel über die Bepackung nachgedacht habe und eigentlich ganz zufriedenstellende Lösungen mit neuen Bikepacking-Methoden gefunden habe – es fehlte mir doch ein wenig die Gemütlichkeit. Tief gebeugt über den Lenker mache ich in erster Linie Strecke, die Konzentration ist eng am Rad und der Austausch mit der Umwelt ist irgendwie erschwert.

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War es also Zufall oder Fügung?: Schon nach kurzer Strecke nach Görlitz fiel mir auf, dass ich den Reisepass zu Hause vergessen habe. Den benötige ich doch für den Grenzübertritt nach Bosnien, oder? Die Frage konnte ich bis zum Ende der Reise nicht sicher klären. Alle Suchtrupps, die ich über Handy aktivieren konnte, um meine Wohnung nach Reisepässen zu durchstöbern, blieben erfolglos (bis auf die Sammlung abgelaufener Pässe, die ausgegraben wurde). So musste ich dann in Görlitz doch noch mal umkehren, um den Reisepass selbst zu suchen und zu finden. Habe nicht viel überlegt und zu Hause rasch auf das bewährte Faltrad umgesattelt. Mit Brompton bin ich dann am nächsten Tag nach Prag und von dort nach Pardubitz mit dem Zug, um dort weiterzuradeln. Vor genau 20 Jahren war ich das letzte Mal hier in Pardubitz, und habe nun kurz versucht, den Ort auf mich wirken zu lassen. Die Schachsommer hier waren legendär, und ich erinnere das Bier in den Studentenclubs, und das Essen in den vielen Restaurants, das ich mir damals – 1998 – selbst als Schüler leisten konnte. Ähnlich heiße Tage, verrückte Sommerzeit – so frei und leicht war es damals.

Diese Reise und viele Vorbereitungen liefen eher unbewusst und ungeplant, so blieb allerdings auch manche Kleinigkeit auf der Strecke: ein Buch oder wenigstens ein Notizbuch zum Beispiel und eine Taschenlampe. Also fuhr ich Tag für Tag bis zur Erschöpfung, um schnell einzuschlafen mangels adäquater alternativer Freizeitbeschäftigung (z.B. lesen, schreiben etc.) und flog an Landschaften und Ländern ohne große Pausen vorbei. Trotzdem immer der Versuch, Augenblicke einzufangen, wie die kleinen Dörfer zwischen den tiefen tschechischen Wäldern, überall schon reifes Steinobst, verschiedene Leckereien aus lokalen Bäckereien, und dann die  bunten Schmetterlinge in Ungarn – ja, es gibt hier noch Schwalbenschwänze! Und die lustigen Sonnenblumenfelder überall: alle Köpfe der Sonne zugeneigt; in Formation wirkte es mehr wie eine eingeübte Choreographie zum Jahrestag der Partei. In der Slowakei bin ich bei Bratislava der Donau gefolgt. Es war so heiß, dass ich es den anderen Flaneuren dort gleichgemacht habe und „oben ohne“ am großen Fluss gen Süden und Osten gefahren bin – ganz schamlos den Schweiß über den nackten Oberkörper habe laufen lassen. Dann erinnere ich den Abend in Gjör in Ungarn. Auch wenn ich körperlich zu erschöpft war, um mich auf die Stadt einzulassen, habe ich den Fluss dort genossen, das Farbenspiel der elektrischen Lichter über dem Wasser, habe an der Promenade den Liebespaaren ihre Zweisamkeit gegönnt, und einfach den Dunst der abendlichen Zigarette auf meine Lungen wirken lassen, quälend, schmerzhaft, schön, auch das sind Reisemomente.

Und dann die Fahrt durch Bosnien, an vielen Orten schaurige Erinnerungen an die Kriege vor so kurzer Zeit. Durch kleine balkantypische Dörfer, ganz friedlich und einladend, habe ich mich der Hauptstadt genähert. An den Straßen wurden Pilze und Honig verkauft, da bin ich natürlich dem Konsum verfallen.

Es gab viele weitere Augenblicke, die im Gedächtnis bleiben. Hier meine Top 5 Erinnerungen:

  1. Die Übernachtung am Balaton stand auf meiner must-do-Liste: Im Biwaksack war ich den Mücken dann ausgeliefert, oder zumindest Mund oder Nase, mit denen ich Kontakt zur frischen Luft außerhalb des Biwaksackes hielt. Pause von den Mücken spendete ein kurzes Gewitter, mit Sturm und peitschendem Regen. Das war sehr sehr schön.
  2. Der Aufstieg zum höchsten Pass auf dieser Tour in Kroatien. Die Straße bergauf eine Baustelle, grober Kies, der für mein Brompton nicht gemacht war. Nur die schmale Regenrinne aus Beton war schon gelegt, und gab als einzige den Rädern ausreichend Halt, so musste ich über Kilometer bergauf balancieren, denn Schieben verbietet der Stolz.
  3. Der Badesee in Tschechien: Ein alter Steinbruch, glasklares Wasser, kühl und doch warm in der Abendsonne. Ich habe es genossen, die Salzkruste des Tages von der Haut zu schwimmen.
  4. Der Sieg der Kroaten über England – der Einzug in das Finale. Bengalische Feuer, und Donner der Böller überall. Ein echtes kroatisches Straßenfest!
  5. Der Kaffee in Sarajevo, überhaupt war Sarajevo die Entschädigung für alle Entbehrungen über die vielen Tage im Sattel. Die Minarette sorgen für orientalisches Flair, die Kaffeehäuser bringen Gemütlichkeit, und ein Buchladen mit zumindest englischer Belletristik hat mich erlöst. Nicht zuletzt die verschiedenen Böreks in den vielen kleinen Restaurants und das Streetfood übererfüllen selbst fortgeschrittene kulinarische Ansprüche.

August abroad

Es ist kniffelig, eine Idee zu entwickeln, wenn plötzlich Zeit da ist, weil so vieles auf der to-do-Liste erledigt ist: Habil, Psychiatrie und Radtour nach Sarajevo waren jedenfalls von der Bucketlist gestrichen. Trügerische Ruhe, fast drückende Leichtigkeit – das Tor zu neuer Freiheit? Jedenfalls spornt es an, wenn man sich darauf einlässt, und es gibt noch so viel zu entdecken.

Die ersten Tage im August war ich erst mal mit meiner kleinen Schwester auf dem „Asummerstale Festival“ im Nirgendwo bei Luhmühlen bei Lüneburg bei Hamburg. Wie war es nun? Nun ja, wir befanden uns im Norden, Einfluss der Gezeiten, die Ebbe ist eher mild und hat 2,5% und die Flut hat 5% – Apfelcider aus Hamburg wurde ganz schnell Kult. Bleiben wird auch, dass wir wie jedes Jahr den „Rauchhaussong“ bei der Massenkaraoke erfolgreich durchgesetzt haben. Ebenso der Autor, der von Hobo-Dschungels und Hobo-Königen erzählt hat, und die Abenteuer des Zugfahrens auf den Güterwaggons in den USA so nah gebracht hat. Und der Trinkspruch von Wladimir Kaminer „auf ein freies und solidarisches Europa mit Russland als Freund“, ein Glas Wasser in der Hand, war ein weiterer wunderbarer Höhepunkt. Und dazu die Erkenntnis, dass der August wirklich sehr heiß war. Und das Kaffee am Morgen ein unschlagbares Getränk ist, und dass ein Festival auch ohne Zigaretten zu genießen ist, und dass das im Ganzen sowieso 3 ganz wunderbare Tage waren.

Nach der Kündigung des Jobs schien mein Kontostand die Endlichkeit des Zustandes dieser Freiheit und Unbeschwertheit vorauszusagen, dass ich mich doch zu einer erneuten zeitlich begrenzten Tätigkeit entschlossen habe. Da gab es dann dieses Angebot in der Nähe von Stuttgart – Kichheim unter Teck, und ich bin spontan für einen Monat zum Arbeiten in den Süden gefahren. Kirchheim ist Provinz. Zwar leben dort 40000 Einwohner, das Google Ergebnis für „Kirchheim“ und „live Musik“ verwies auf eine Veranstaltung am 15. September, und laut der Homepage der Stadt ist das Freibad mit einem 50 Meterbecken eine Hauptattraktion. Nach 18 Uhr hat nur der Edeka offen – bis 22 Uhr! Ein Kino hat es mit 2 Filmen pro Woche, abwechselnd laufen sie mal um 17:15 und mal um 20:30. Ohne Live Musik hatte ich also locker Zeit, nach dem Einkaufen zum Film um 20:30 Uhr zu gehen, dazu immer ein Kirchheimer Bier mit Pluppverschluss, ich mag Rituale! Und Teck ist der Berg und die Burg darauf. Man sagt „die Teck“ zu beiden. Und steil gehts rauf, ein echter Leckerbissen für ambitionierte Radfahrer!

Das Schwäbische ist mir ja in die Wiege gelegt, zumindest passiv, und die Berührung wirkte den Ohren nicht fremd, dass ich nie schlimm oder eiskalt überrascht wurde. Bestens vorbereitet war ich auf das „Gsälz“ und die „Weckle“, das „Schlägle“, dass die Patienten in die Notaufnahme bringt, „Brezeln“ mit Butter und das „Rentnerviertele“ im „Weinstüble“. So schaffte ich es, wenn das Amusement des Augenblicks und Komik einzelner Situationen und Begegnungen in den Kopf stiegen, nicht ins „Fettnäpfle neizudatschden“, und einfach meinen „Gosch“ zu halten, denn auch still lässt sich die schwäbische Mundart genießen. Und ich habe durch Zuhören und Fragen noch viel mehr über die Verbreitung der Schwaben erfahren. Mit den Kollegen gab es wiederholt freundliche Reibereien, vor allem am Mittagstisch: der Prenzlerger im Ländle, und in Kirchheim wie überall am Fuße der Alb ist man stolz auf die mit 200000 Schwaben größte Exklave (i.e. Berlin). Und ich lernte über die Verbreitung schwäbischer Kultur: Nachfahren von Donauschwaben waren meine Kollegen und sowieso kamen sie aus so vielen interessanten Ländern mit so verschiedenen und interesanten Geschichten. Und in Ungarn und Rumänien werden auch heute noch schwäbische Volksfeste gefeiert.

Stuttgart ist eigentlich die schönste Stadt Deutschlands – eigentlich: inmitten von Weinbergen liegt dieses Idyll am Neckar, aus dem Kessel ist es eine Freude auf die grünen Berge rundherum zu schauen. Fast mediterran ruht die Hauptstadt der Schwaben und versprüht Gemütlichkeit. Nur warum gibt es kein schönes Café, das einfach zum Verweilen und Ruhen einlädt? Lieblose Bäckereien mit ein paar Stühlen vor dem Schaufenster, oder aufgepimpte Möchtegern-Hipsterlokale scheuchen mich von einem Ort zum anderen. Stundenlang radelte ich an den freien Tagen durch die Stadt, um mich mit Buch bei einem Kaffee zu entspannen. Zugegeben, Bad Cannstadt hat seinen Reiz, mit den vielen kleinen Brunnen, und die kleinen alten Häuser, an denen Wein rankt. Ebenso die langgestreckte Parklandschaft, die vom Neckar bis zum Schloss führt mit den Wildgänsen, die auf der Wiese weiden und den Graureihern, die in ihrer Dreistigkeit jeden Respekt vor mir verloren haben. Aber das Café habe ich nicht gefunden, das mich eingeladen hat, und so blieb dann irgendwann nur die Parkbank am Neckar, das Bier aus der Flasche, und ein Viertele in einem griechisch-schwäbischem Restaurant, das eher traurig und betrübt und weniger herzlich und willkommen wirkte.

Und dann war da Esslingen, der Ort, der mich immer wieder für besondere Momente aufgenommen hat, die alte Stadt und der leckere Wein, die engen Gassen und die Weinberge. Das Rathaus weltberühmt, Kesslers Sekt von hier. Blablabla. Die gemütliche Schönheit und das leckere Essen in den Nebengassen, dazu der weiße Wein, der den Puls nach dem radeln wieder auf ein normales Level geholt hat. Und zum Weihnachtsmarkt, so hieß es immer, muss ich unbedingt wiederkommen.

Die Zeit ging schnell vorüber, es blieb so vieles unentdeckt wie das eine Café in Stuttgart, wahrscheinlich war ich doch einfach ziemlich schaffig. Der Abschied fiel mir dann doch schwer, zum Abschied gab es ein Glas schwäbischen Honig vom Imker, der nebenbei mein Oberarzt war. Das Schwabenland am Fuße der Alb – ich hab es einfach gern!

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Meine Top-5-Liste aus dem Ländle:

1.Die Streuobstwiesen auf meiner Joggingstrecke: eigentlich habe ich keinen Sport gemacht, sondern mir mit Äpfeln, Pflaumen und Mirabellenden Magen vollgeschlagen.

2. Saure Nieren mit Kartoffelsalat, dazu Riesling in Esslingen im Weinkeller „Einhorn“

3. Der Hasen auf der Wasen – zugegeben ein echter Insider, aber der Umweg für das Foto hat sich gelohnt

4. Der Besuch der Teck-Burg. Auf 2,5 Kilometern geht es fast 400 Höhenmeter hoch. Der Kiosk an der Burg war geschlossen, das Restaurant ebenso, kein herzlicher Empfang, ganz durchgeschwitzt mit brennenden Lungen und Oberschenkeln – trotzdem ein wunderbares Abendfährtle nach einem intensiven Arbeitstag.

5. Schwäbischer Whisky: Tecker heißt der eine, und es gibt wohl auch konkurrierende Brennereien. Und Tecker ist wirklich lecker!

 

Ukraine – Moldawien – Rumänien

Mit dem Zug bin ich ich über Prag nach Lviv gefahren. Die historische Stadt in Westen der Ukraine sollte der Start eine 10-tägigen Radtour durch die südwestlichen Gebiete der ehemaligen Sowjetunion sein. Das Abteil ab Prag teile ich mir mit einem ukrainischen Anwalt, der auf dem Weg nach Hause in Kiew ist. Rasch werde ich an russische Zugfahrten erinnert, als wir uns mühsam nach einer gemeinsamen Sprache suchend in ein Gespräch verwickeln, während er den Tisch mit Käse, Würst und Schnaps deckt und fortan alle Mahlzeiten mit mir teilt. So vergeht die Fahrt schnell und der stete Regen außerhalb wird mir kaum gewahr.

In der Nacht werde ich bei strömendem Regen am Lviver Bahnhof am Stadtrand empfangen. Meine Unterkunft liegt im Zentrum, dass mein Fahrrad und ich gleich am esten Tag so nass werden, wie auf der ganzen weiteren Reise nicht mehr.
Lviv, in deutsch Lemberg, liegt fast in der geographischen Mitte Europas. Die Stadt wurde im 13. Jahrhundert gegründet, in der historischen Altstadt reihen sich Häuser aus verschiedenen Epochen, vieles sehr gut erhalten und mittlerweile aufwändig saniert. Kaffeehäuser aus der Habsburger Zeit und Kaffeeröstereien lassen sich ebenso finden wie sowjetische Überbleibsel, langsam allerdings verdrängt von dem Kommerz der heutigen Zeit.
Auffällig in der Stadt ist, dass obwohl malerisch und belebt, die Touristen der Stadt aus der Ukraine kommen. Westeuropäische Besucher sind sehr selten, angeblich weil Ryanair und Easyjet noch nicht den Weg zum Flughafen gefunden haben. Ich schlendere einen Tag durch die Stadt, höre den Straßenmusikern zu und geniesse die ukrainischen Biere in den Biergärten, wo die Sonnenstrahlen noch wärmen, und dem nahen Herbst trotzen.

Früh breche dann in Lviv ich auf, aus der Stadt geht es schnell, und ich spule meine Kilometer ab, zuerst auf einer Hauptstraße, nach ca 50 Kilometern auf Nebenstraßen. Die Landschaft, historisch Ostgalizien ist sehr ländlich und insgesamt nur gering besiedelt. Der Asphalt verschwindet bald, und ich finde mich rasch auf Dörfern wieder, die noch ursprünglich wirken. Jedes Dorf hat mehrere noch funktionsfähige Brunnen und ich sehe oft Menschen, die dort Eimer mit Wasser aus den Brunnen hoch kurbeln. Gänse, Enten und Hühner fliehen aufgeregt und laut, wenn ich mich nähere. Die Besitzer der kleinen Farmhäuser scheinen Wettbewerbe um den größten Kürbis abzuhalten. Später radele ich durch Apfelplantagen, und durch Wälder. Gelegentlich treffe ich Pilzsammler; an den Straßenrändern kaufe ich Fruchtweine, und ernte Walnüsse, wie noch häufig auf dieser Reise. Das Wetter erlaubt mir, mein Zeit auf den Feldern aufzuschlagen. Die Nächte werden dann doch so kalt, das ich am Morgen immer in der Sonne warten muss, bis der Frost auf dem Zelt getaut ist. Zeit genug also, Kaffee zu trinken, und so die Kälte der Nacht auch aus den Knochen zu vertreiben.

An der nordwestlichen Grenze von Bessarabien überquere ich die Dnister, die von den Karpaten zum schwarzen Meer sich schlängelt. Am Ufer mächtig eine große Burg – die Burg Khotyn. In der Morgensonne thront sie majestätisch auf den Klippen. Ich betrachte sie ehrfürchtig und schaffe es ein paar Minuten vor ihren Mauern zu rasten.

Moldawien ist dann das eigentliche Ziel meiner Reise, der Name gefiel mir so außergewöhnlich gut, insbesondere der offizielle Name: „Republik Moldau“, benannt nach dem Fluss Moldau, der ander grenze zwischen Rumänien und Moldawien fließt – nicht zu verwechseln mit der Moldau in der tschechischen Republik. Ich habe gelesen, dass dieses Land zu den Top 3 der am wenigsten touristisch erschlossenen Gebiete zählt – gemessen an den Touristen pro Einwohner. Bei nur 2,9 Millionen Einwohnern sind es wirklich wenig Menschen, die sich hierhin verirren. Die Republik Moldau ist dann landschaftlich tatsächlich auch sehr unaufgeregt. Während der Westen das Kulturland mit Apfelplantagen prägt, sind die sanften Hügel zum Donaudelta hin Weinanbaugebiete. Der Export richtet sich vor allem an durstige Russen, nur sehr billiger und qualitativ schlechter Wein findet aktuell den Weg in die deutschen Supermarktregale. An den Straßenrändern wird gelegentlich frischer Wein zu unerhört niedrigen Preisen und in Plastikflaschen angeboten. Der ist lecker, und ich finde mich auch abeits von kommerziell verführerischer Vielfalt schnell in (Kauf)rausch versetzt – eine willkommene Ablenkung vom doch etwas anstrengenden Auf und Ab über die Hügel. Geschickte Honigverkäuferinnen belasten meine Radtaschen spürbar.
Sehenswürdigkeiten oder spezielle touristische Attraktionen soll es in der Republik Moldau nicht oder kaum geben. Die Attraktion ist dennoch die Reise an sich, die Einsamkeit, die kleinen Dörfer fern von der hitzigen Geschäftigkeit; die Relikte des vergangenen Sowjetregimes, die zu Teilen noch liebevoll gepflegt werden, an anderen Stellen aber gegen die Naturgewalten der Verwitterung und des Verfalls eher hilflos ausgeliefert sind.


Ich mag das Lächeln in den Augen und den Gesichtern der alten Frauen in den Dörfern, wenn ich versuche mit ein paar Brocken Russisch zu erklären, was ich suche, was ich brauche, warum und und wohin ich will. Mit Pferdekarren, beladen mit Kürbissen und Melonen von den Feldern liefere ich mir Wettrennen auf den holprigen Straßen.
Nach einem Ruhetag in Chisinau, der Hauptstadt der Republik Moldau, fahre ich durch eine der autonomen Regionen des Landes: von der Existenz Gagausiens habe ich erst während meiner Tour erfahren, anders als in Transnistrien im Norden gibt es keine Kämpfe, sondern ein friedliches Miteinander der russisch, türkisch und rumänisch sprechenden Bewohner.


Kurz hinter der Grenze in Rumänien bricht eine Pedale, das hat sich schon angekündigt. Schade, aber nur 3 Kilometer von einem Bahnhof entfernt, habe ich dann doch noch mal Glück gehabt, so verdiene ich mir einen ganzen Tag in Bukarest, treffe im Bicycle Hostel interessante Menschen, mit denen ich Wein und Geschichten teilen kann und bin froh, denn das gute Wetter hat sich dem Sonnenschein der letzten Woche abgewandt, während ich im Trockenen sitze.


Der Zug zurück nach Hause ist ganz leer, ich teile das Abteil nur mit meinem Gepäck, muss einmal umsteigen in Budapest, und dann bin ich schon wieder zu Hause. Im Gepäck sowjetische Süßigkeiten, ukrainischen und moldawischen Wein und Honig, Lemberger Kaffee, 2 Speicherkarten mit Fotos und sicher bleibende Erinnerungen an eine Reise in herbstlichen Farben und auf einsamen Nebenstraßen.