Auf der Mauer

Zeit in Peking habe ich genug, warum also mit einer organisierten Tour zur chinesischen Mauer fahren, wenn man auch auf eigene Faust unabhängig, dazu viel billiger, die Mauer besuchen kann. Es dauert halt etwas länger, ist dafür viel abenteuerlicher. Zusammen mit Benjamin aus Frankreich, der im selben Hostel wohnt beschließe ich einen Zweitagestrip zu diesem „Must-See“ in China. Er kümmert sich um die Routenplanung ich steuere das Campingequipment bei.
Insgesamt ist die Mauer an verschiedenen Orten unterschiedlich gut erhalten und zu verschiedenen Zeiten gebaut. Älteste Teile der Mauer sind von 700 v. Chr. die jüngeren Abschnitte sind gerade mal einige Hundert Jahre alt. Wir beschließen erst ein älteres Mauerstück bei Gubeiku (ca 1500 Jahre alte Mauer) zu besuchen und von dort zu den besser erhaltenen Mauerabschnitten von Jinshanling (aus dem 13. bis 16. Jahrhundert) zu wandern. Von Peking nehmen wir einen Bus nach Miyun und fahren dort mit Minibus zum Dorf Gubeiku. Das das keine Flachlandetappen werden, ist dann bei Ankunft in Gubeiku klar. Schroffes, bewaldetes Bergland. Die Mauer kann man von der Straße sehen, sie versucht gar nicht, sich zu verstecken und schlängelt sich von Gipfel zu Gipfel zu beiden Seiten der Straße. Das Dorf ist im Bereich der Mauer restauriert, hat aber irgendwie Charme. Wohl erwartet man in den nächsten Jahren auch hier mehr Touristen. Aktuell sind wir die einzigen in diesem Dorf. Eintritt zur Mauer muss man dann doch zahlen. Ein paar Treppen geht es hoch, aber dann ist man frei auf der Mauer. Wir wandern einige Kilometer Richtung Osten, und finden dann einen guten Campingplatz auf einem ehemaligen Wehrturm.

In der Nacht regnet und stürmt es leider ziemlich stark, das mein Zelt einiges zu tun hat, uns trocken zu halten. Früh am Morgen dann eine kurze Schrecksekunde, als um 5 Uhr laute Stimmen vor dem Zelt zu hören sind. Schon zweimal bin ich in China von Polizisten in der Nachtruhe gestört und abgeführt worden, das ist ncht so schlimm, muss aber nicht noch mal sein. Natürlich wissen wir, dass das Campen in China Grauzone ist. Sinngemäß sagen die Reiseführer hier: „Camping ist offiziell nicht erlaubt auf der Mauer, aber wenn man sich nicht erwischen lässt, ist es wahrscheinlich kein Problem.“
Die Stimmen kommen aber nicht von Polizisten, sondern von zwei chinesischen Touristen, die einen Ghettoblaster mit sich tragen und laut und (für meine Ohren) ziemlich schief dazu singen. Alles das halten sie per IPad als Video fest. Was soll man dazu sagen? Jeder macht eben seine eigene Tour zur chinesischen Mauer und Individualität scheint wohl auch in China im Kommen zu sein. Vorteil war auf jeden Fall, dass sie mich aus dem Zelt geholt haben, die Ausblicke im Morgenlicht auf die sich bis zum Horizont erstreckende Mauer sind einfach nur wunderschön.

Wir wandern weiter, müssen dann aufgrund einer militärischen Sperrzone die Mauer verlassen, und in ein Tal absteigen. Dort frühstücken wir in einem Farmhaus und füllen die Wasservorräte auf. Der Anstieg zu einem bereits in den 80er Jahren restauriertem Teil der Mauer bei Jinshanling führt durch Farmland und Strauchwälder. Trotz gut restauriertem Mauerabschnitt ist das Gehen auf der Mauer mühsam, steilste Anstiege und Abstiege mit Stufen die weit höher als breit sind, verlangen auch Geschick und einen wachen Geist. Durch die größere Entfernung zu Peking ist aber auch dieser Abschnitt nicht mit Touristen überlaufen.


Aus verteidigungstechnischen Gründen macht das ja Sinn, die Mauer nicht durch Täler sondern über die Bergkämme laufen zu lassen, die Touristen des 21. Jahrhunderts hatte sicherlich keine der Planer der Mauer vor 2500, 2000, 1500 und 500 Jahren im Sinn. Ich spüre eine zunehmende Müdigkeit in den Beinen, trotzdem kosten wir die Mauer voll aus, aund nehmen nicht eine der Abkürzungen ins Dorf. Nach weiteren 5 Stunden wandern empfängt uns dann im Tal dann ein kühles Bier. Das tut gut. Die Rückfahrt nach Peking ist dann kein Problem: Wir stehen an der Straße und schauen so ratlos, dass englich sprechende Touristen aus Yunnan sich unser annehmen und sicher nach Peking begleiten.

Nach Beijing

Auf der Straße Richtung Golmud war es zwar kälter als in der Taklamakan, dafür immer noch wüst und leer. Zudem regnete es, als ich morgens in Huatugouzhen losfuhr.
Ich hatte keine große Lust mehr auf diese Landschaft, zusätzlich noch bei Regen. Darum habe nach einigen Kilometern begonnen, bei vorbeikommenden Autos den Daumen rauszusrecken. Das klappte richtig gut und am Abend war ich tatsächlich schon in Golmud, knapp 600km vorangekommen, zwischen durch nur wenig Rad gefahren, den Rest verteilt auf 3 Autos. Durch die Windschutzscheibe habe ich fasziniert die Sandstürme betrachtet.


Golmud ist eine typische chinesische Stadt, ausschließlich Hochhäuser (jeweils mit mindestens 20 Stockwerken), breite Straßen mit Unmengen von Autos und an jeder Ecke gibt es was zu Essen zu kaufen. Früher mussten Reisende hier umsteigen, wenn sie nach Tibet wollten, heute fährt die Lhasabahn bequem in Peking los, und hat Golmud nur noch als Zwischenhalt. Der Bahnhof in Golmud ist und um die Uhr geöffnet. Am Eingang gibt es wieder Flughafenkontrollen, die ich aber austricksen konnte. Zuerst wurde ich mit zusammengeklapptem Fahrrad zurückgewiesen („Verboten!!!“). Ich habe mir darauf eine große Tasche gekauft, und das Rad darin verstaut. Das klappte ganz gut, allerdings haben mich die Kontrolleure nach Messern gefragt und wollten mir nach ehrlicher Antwort mein Opinel abnehmen. Das wollte ich nicht hergeben, also dritter Ansturm auf die Kontrollposten, die müssen ja nicht alles wissen. So stand ich dann wenige Mitten später mit Messer und Fahrrad in der Bahnhofshalle und habe mir gleich ein Ticket für Peking für den nächsten Morgen um 5 Uhr gekauft. Allerdings gab es keinen Sitz- oder Schlafplatz mehr, naja, ist ja nur eine Zugfahrt. Die Nacht schlief ich wie die anderen Reisenden im Wartesaal auf den Bänken.

Die Zugfahrt war eine superinteressante Erfahrung, und hat mich bis jetzt anhaltend beeindruckt. Der Zug war voll, ich hatte Glück und habe einen Sitzplatz für die ersten 20 Stunden gefunden. Eingeklemmt zwischen 3 Familien hatte ich die Möglichkeit, die Mitreisenden zu beobachten. Reisende ohne Sitzplätze wie ich hatten oft Klappsitze dabei, und haben darauf teilweise den ganzen Tag und die ganze Nacht gesessen. Der Zug wurde immer voller. Aber die Stimmung lieb so entspannt. Keine grimmigen Blicke, keine tiefen Seufzer, keine gehobenen Stimmen in den Gesprächen oder dem Personal gegenüber, keine Rempler auf dem Gang, sondern tiefe Ruhe der Mitreisenden, vielleicht sogar hier und da ein Anflug eines Lächelns in den Gesichtern. Geduldig wurde den vielen Verkäufern Platz gemacht, die sich mit ihren Wägen durch die Gänge

Zug1
Schlafenszeit im Zug
Zug2
Nachtruhe im Zug

zwängten. Abends machten die Eltern ihren Kindern Platz auf den Sitzen, damit diese schlafen konnten – auch die Eltern mit Sitzplätzen hatten Klappsitze dabei, mit denen sie sich zur Schlafenszeit der Kinder auf die Gänge setzten. Draussen zog währenddessen ein ganz anderes China vorbei, als ich es bisher kennengelernt habe. Fast wehmütig blickte ich auf die verpassten Landschaften mit Yakherden, Gebetsfahnen auf sanften Hügeln, saftige grüne Ebenen, später Bambuswälder – hier wäre ich auch gerne Rad gefahren. Die letzten 8 Stunden der Reise hatte ich dann leider keinen Sitz mehr. Ich war müde, stehend k.o., beherrschte mich aber doch, immer nch fasziniert von der Ruhe meiner stoischen Leidensgenossen auf dem Gang. Und dann war ich auch schon fast pünktlich in Peking.

Hier ist der Verkehr auf den Straßen rücksichtslos, aber jede Handlung der Autofahrer ist vorhersehbar und ich fühle mich nicht unsicher auf dem Rad. Ich finde ein nettes Hostel, und mache erst mal das, was ich immer nach längeren Etappen gemacht habe, nämlich gar nichts. Dazu passt, dass ich am Wochenende ankomme, und die Visaoffices für Russland sowieso nicht arbeiten. Nur langsam taste ich mich in die Stadt vor, besichtige den Tian´anmen-Paltz und den Eingang der verbotenen Stadt. Und probiere das Essen auf den Straßen. Auf einem Nachtmarkt gibt es Leckeres und Interessantes, Seepferdchen wollte ich aber doch nicht probieren.

Wüstenstraße

Nach Kashgar hatte ich erst mal keine gute Idee, wie es weiter gehen sollte. Ich denke ich bin langsam gesättigt mit neuen Erlebnissen.  Habe mich dann aber doch dafür entschieden, ein wenig Wüstenluft zu schnuppern, die Taklamakan ist so nah, wäre doch schade, wenn ich das nicht nutze. Entlang der südlichen Route um die Taklamakanwüste gibt es wohl mindestens alle 70km einen Ort. Perfekt also zum Wasser tanken, dass ich stressfrei an der großen Sandwüste fahren kann. Die südliche Straße kommt der Wüste recht nahe, bleibt aber meist doch in respektvoller Entfernung. Was ich nicht wusste ist, dass es in dieser Jahreszeit auch in der Wüste gelegentlich regnet, und überwiegend bewölkt ist, zusätzlich sind starke Winde häufig, die den Sand in die Luft wirbeln und die Sicht doch einschränken.

Zu Beginn kurz nach Kashgar war die Sicht noch klar. Wüstenabschnitte und Oasenstädte/-dörfer wechselten sich harmonisch ab und es wurde nicht langweilig zu radeln. Nach einigen Tagen wurde es allerdings dunkler, und den ganzen Tag über herrschte ein gelbes bis bräunliches Morgendämmerungslicht (vielleicht wie an einem herbstlichen Regentag in Deutschland, vielleicht aber auch unvergleichbar), keine Sonne und kein blauer Himmel waren zu sehen. Und dann kamen die Winde, dass ich trotz düsterem Licht stets die Sonnenbrille getragen habe. Folge war der Staub überall, der mein Zelt, mein Fahrrad und die Blätter der sporadisch wachsenden Bäume blassgrün werden lies, sich in meinen Radtaschen festsetzte, die Haare auf den Unterarmen weiss färbte, und die Rosinen am Straßenrand nach Schmirgelpapier schmecken ließ. So schmutzig habe ich mich längere Zeit nicht mehr gefühlt!

Immerhin, ich bin jetzt durch das Land der Uiguren gefahren, durch die Städte, die auch Marco Polo auf seiner ersten Reise bereist hat, und habe den chinesischen Bauboom in der Wüste bestaunen können (Städte , die noch in keiner Karte vermerkt sind), dazu habe ich frei lebende Kamele fotografiert und mich durch alle chinesischen Tütensuppen durchprobiert. Aber noch mal muss nicht sein…

Hinter Hotan und nach 700km radeln bin ich dann doch in einen Bus gestiegen und noch weitere 800km dieser Öde aus Busfenstern heraus betrachtet. Morgen schaue ich nach einem Bus, der mich noch mal in die Berge fährt.

 

Nach Xinjiang

Die Provinz Xinjiang ist die am weitesten westlich gelegene und größte Provinz Chinas. Geschichtlich ist Xinjiang den zentralasiatischen Ländern sehr nahe, und war im 20. Jahrhundert wie das übrige Zentralasien auch zeitweise unter sowjetischem Einfluss. Nach der Gründung der Volksrepublik China wurde Xinjiang – damals unter Billigung der Sowjetunion – annektiert. Seitdem und besonders seit der Kulturrevolution war es in der Provinz durch Unabhängigkeitsbestrebungen der Einwohner immer wieder unruhig, mit zum Teil blutigen Ausschreitungen, auch in jüngster Zeit. Die Polizei- und Militärpräsenz soll seitdem noch höher sein als in anderen Teilen Chinas. Die Sicherheitsvorkehrungen an der Grenze sind besonders strikt, und für eine Grenzüberquerung, wenn man aus Zentralasien kommt, muss man hier einen Tag einplanen, zum Beispiel musste ich eine Strecke von ca 150 Kilometern durch das Militärgebiet an der Grenze mit dem Tai zurücklegen. Das Grenzgebiet ist Ausländern nur mit diesen autorisierten Taxis gestattet.
Traditionell ist Xinjiang das Land der Uiguren und weiterer zentralasiatischer Völker, wie der Kasachen und der Kirgisen. Die Uiguren sind in Sprache und Kultur mit den zentralasiatischen Wander-Völkern eng verwandt. Viele Häuser erinnern ebenfalls an Zentralasien, und selbst Jurten finden sich noch vereinzelt in den Dörfern. Das Ansiedlungsprogramm von Han-Chinesesn aus dem Osten, die als Arbeiter nach Xinjiang kommen, ist seit mehreren Jahrzehnten ein wichtiges Programm des chinesischen Staates. Mittlerweile machen die Chinesen aus den östlichen Provinzen ungefähr die Hälfte der Einwohner Xinjiangs aus.
Mein erstes Ziel ist Kashgar, eine alte Seidenstraßenmetropole. Kashgar wurde in den letzten Jahren zunehmend „modernisiert“, die alte Lehmziegelstadt am südwestlichen Rand der Taklamakanwüste musste zu größeren Teilen dem modernen Kashgar weichen. Die alte Stadt, ein kleines noch erhaltenes oder wiederaufgebautes Zentrum, wirkt allerdings ursprünglich. Hier ist das Straßenleben immer noch von den Uiguren geprägt: regelmäßig wird von der Moschee gegenüber meinem Hostel zum Gebet gerufen und die Menschen laufen in traditionellen Kleidungen und Kopfbedeckungen herum. So hat die Stadt hier trotz der noch jungen Skyline hinter der Altstadt eine besondere Ausstrahlung, und ich bin schon seit vier Tagen hier und genieße entspannt das Treiben.
Mein persönliches Highlight ist der abendliche Nachtmarkt: Fressbude ist an Fressbude gereiht, und öffnet jeweils nach Sonnenuntergang. Es gibt alles, was man aus Schaf und Lamm herstellen kann, außerdem Fisch und einige Nudelstände. Natürlich probiere ich alles und bin so bereits Stammgast. Schafsinnereien sind eine Delikatesse, Schafsauge und Schafsfüße speichere ich unter Erfahrung ab.

Von Sary-Tash nach Kashgar:

Kashgar:

Der Nachtmarkt in Kashgar:

Milchshake wird auf dem Nachtmarkt zubereitet: