Berlin – Sarajevo

Die Idee war da schon lange, als ich im Juli Zeit für diese Tour gefunden habe. Ordentliche Strecke, wenig Jahresurlaub, dass ich geplant hatte, mit dem Rennrad die Strecke zu machen. 1200km grob, 12 Tage wollte ich unterwegs sein, irgendwie wollte ich das meinem Klapprad nicht zutrauen.

Die erste Etappe nach Görlitz hatte ich Begleitung, und Robert kann wirklich radeln. Früh sind wir los, ein paar Kilometer raus aus der Stadt mit dem Zug; wir wollten die langen Geraden Brandenburgs und nicht die Schatten der Häuser in der Hauptstadt. Gute 150km sind wir auf fast ebener Strecke überwiegend zusammen geradelt, und erst im Süden am Neiße-Radweg war ich dann abgehängt und schließlich gute 30 Minuten später als er in Görlitz (nun ja, eher schmeichelhaft). Immerhin, knapp über 200km am ersten Tag gefahren.

Und Görlitz…, der Leerstand der Immobilien entlang der teilrenovierten Prachtstraßen war dann doch verstörend. Trotzdem bot es in tiefster Tristesse Raum für ganz unerwartete Begegnungen: am Brauhaus der Stadt konnten wir ein Wegbier („ausnahmsweise“) vom stolzen Pförtner kaufen, und wurden dann  – quasi als Belohnung für das mutige Anschnorren – professionell in die Bier- und Trinkkultur eingeführt: die verschiedenen Schenkmethoden von Pils und Kellerbier und die Handhabung der Flasche bis zum Entfernen des Kronkorkens. Wir waren uns einig, diese Begegnung ist eine eigene Reisegeschichte wert. Und das schlesische Essen in Görlitz und den trägen Blick auf die länger werdenden Schatten der Häuser haben wir uns nach dem Tag verdient. Und später noch Zuckerwatte – ein Tag für Geschichtensammler!

Rennrad auf Tour ist doch anders, auch wenn ich vorher viel über die Bepackung nachgedacht habe und eigentlich ganz zufriedenstellende Lösungen mit neuen Bikepacking-Methoden gefunden habe – es fehlte mir doch ein wenig die Gemütlichkeit. Tief gebeugt über den Lenker mache ich in erster Linie Strecke, die Konzentration ist eng am Rad und der Austausch mit der Umwelt ist irgendwie erschwert.

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War es also Zufall oder Fügung?: Schon nach kurzer Strecke nach Görlitz fiel mir auf, dass ich den Reisepass zu Hause vergessen habe. Den benötige ich doch für den Grenzübertritt nach Bosnien, oder? Die Frage konnte ich bis zum Ende der Reise nicht sicher klären. Alle Suchtrupps, die ich über Handy aktivieren konnte, um meine Wohnung nach Reisepässen zu durchstöbern, blieben erfolglos (bis auf die Sammlung abgelaufener Pässe, die ausgegraben wurde). So musste ich dann in Görlitz doch noch mal umkehren, um den Reisepass selbst zu suchen und zu finden. Habe nicht viel überlegt und zu Hause rasch auf das bewährte Faltrad umgesattelt. Mit Brompton bin ich dann am nächsten Tag nach Prag und von dort nach Pardubitz mit dem Zug, um dort weiterzuradeln. Vor genau 20 Jahren war ich das letzte Mal hier in Pardubitz, und habe nun kurz versucht, den Ort auf mich wirken zu lassen. Die Schachsommer hier waren legendär, und ich erinnere das Bier in den Studentenclubs, und das Essen in den vielen Restaurants, das ich mir damals – 1998 – selbst als Schüler leisten konnte. Ähnlich heiße Tage, verrückte Sommerzeit – so frei und leicht war es damals.

Diese Reise und viele Vorbereitungen liefen eher unbewusst und ungeplant, so blieb allerdings auch manche Kleinigkeit auf der Strecke: ein Buch oder wenigstens ein Notizbuch zum Beispiel und eine Taschenlampe. Also fuhr ich Tag für Tag bis zur Erschöpfung, um schnell einzuschlafen mangels adäquater alternativer Freizeitbeschäftigung (z.B. lesen, schreiben etc.) und flog an Landschaften und Ländern ohne große Pausen vorbei. Trotzdem immer der Versuch, Augenblicke einzufangen, wie die kleinen Dörfer zwischen den tiefen tschechischen Wäldern, überall schon reifes Steinobst, verschiedene Leckereien aus lokalen Bäckereien, und dann die  bunten Schmetterlinge in Ungarn – ja, es gibt hier noch Schwalbenschwänze! Und die lustigen Sonnenblumenfelder überall: alle Köpfe der Sonne zugeneigt; in Formation wirkte es mehr wie eine eingeübte Choreographie zum Jahrestag der Partei. In der Slowakei bin ich bei Bratislava der Donau gefolgt. Es war so heiß, dass ich es den anderen Flaneuren dort gleichgemacht habe und „oben ohne“ am großen Fluss gen Süden und Osten gefahren bin – ganz schamlos den Schweiß über den nackten Oberkörper habe laufen lassen. Dann erinnere ich den Abend in Gjör in Ungarn. Auch wenn ich körperlich zu erschöpft war, um mich auf die Stadt einzulassen, habe ich den Fluss dort genossen, das Farbenspiel der elektrischen Lichter über dem Wasser, habe an der Promenade den Liebespaaren ihre Zweisamkeit gegönnt, und einfach den Dunst der abendlichen Zigarette auf meine Lungen wirken lassen, quälend, schmerzhaft, schön, auch das sind Reisemomente.

Und dann die Fahrt durch Bosnien, an vielen Orten schaurige Erinnerungen an die Kriege vor so kurzer Zeit. Durch kleine balkantypische Dörfer, ganz friedlich und einladend, habe ich mich der Hauptstadt genähert. An den Straßen wurden Pilze und Honig verkauft, da bin ich natürlich dem Konsum verfallen.

Es gab viele weitere Augenblicke, die im Gedächtnis bleiben. Hier meine Top 5 Erinnerungen:

  1. Die Übernachtung am Balaton stand auf meiner must-do-Liste: Im Biwaksack war ich den Mücken dann ausgeliefert, oder zumindest Mund oder Nase, mit denen ich Kontakt zur frischen Luft außerhalb des Biwaksackes hielt. Pause von den Mücken spendete ein kurzes Gewitter, mit Sturm und peitschendem Regen. Das war sehr sehr schön.
  2. Der Aufstieg zum höchsten Pass auf dieser Tour in Kroatien. Die Straße bergauf eine Baustelle, grober Kies, der für mein Brompton nicht gemacht war. Nur die schmale Regenrinne aus Beton war schon gelegt, und gab als einzige den Rädern ausreichend Halt, so musste ich über Kilometer bergauf balancieren, denn Schieben verbietet der Stolz.
  3. Der Badesee in Tschechien: Ein alter Steinbruch, glasklares Wasser, kühl und doch warm in der Abendsonne. Ich habe es genossen, die Salzkruste des Tages von der Haut zu schwimmen.
  4. Der Sieg der Kroaten über England – der Einzug in das Finale. Bengalische Feuer, und Donner der Böller überall. Ein echtes kroatisches Straßenfest!
  5. Der Kaffee in Sarajevo, überhaupt war Sarajevo die Entschädigung für alle Entbehrungen über die vielen Tage im Sattel. Die Minarette sorgen für orientalisches Flair, die Kaffeehäuser bringen Gemütlichkeit, und ein Buchladen mit zumindest englischer Belletristik hat mich erlöst. Nicht zuletzt die verschiedenen Böreks in den vielen kleinen Restaurants und das Streetfood übererfüllen selbst fortgeschrittene kulinarische Ansprüche.

August abroad

Es ist kniffelig, eine Idee zu entwickeln, wenn plötzlich Zeit da ist, weil so vieles auf der to-do-Liste erledigt ist: Habil, Psychiatrie und Radtour nach Sarajevo waren jedenfalls von der Bucketlist gestrichen. Trügerische Ruhe, fast drückende Leichtigkeit – das Tor zu neuer Freiheit? Jedenfalls spornt es an, wenn man sich darauf einlässt, und es gibt noch so viel zu entdecken.

Die ersten Tage im August war ich erst mal mit meiner kleinen Schwester auf dem „Asummerstale Festival“ im Nirgendwo bei Luhmühlen bei Lüneburg bei Hamburg. Wie war es nun? Nun ja, wir befanden uns im Norden, Einfluss der Gezeiten, die Ebbe ist eher mild und hat 2,5% und die Flut hat 5% – Apfelcider aus Hamburg wurde ganz schnell Kult. Bleiben wird auch, dass wir wie jedes Jahr den „Rauchhaussong“ bei der Massenkaraoke erfolgreich durchgesetzt haben. Ebenso der Autor, der von Hobo-Dschungels und Hobo-Königen erzählt hat, und die Abenteuer des Zugfahrens auf den Güterwaggons in den USA so nah gebracht hat. Und der Trinkspruch von Wladimir Kaminer „auf ein freies und solidarisches Europa mit Russland als Freund“, ein Glas Wasser in der Hand, war ein weiterer wunderbarer Höhepunkt. Und dazu die Erkenntnis, dass der August wirklich sehr heiß war. Und das Kaffee am Morgen ein unschlagbares Getränk ist, und dass ein Festival auch ohne Zigaretten zu genießen ist, und dass das im Ganzen sowieso 3 ganz wunderbare Tage waren.

Nach der Kündigung des Jobs schien mein Kontostand die Endlichkeit des Zustandes dieser Freiheit und Unbeschwertheit vorauszusagen, dass ich mich doch zu einer erneuten zeitlich begrenzten Tätigkeit entschlossen habe. Da gab es dann dieses Angebot in der Nähe von Stuttgart – Kichheim unter Teck, und ich bin spontan für einen Monat zum Arbeiten in den Süden gefahren. Kirchheim ist Provinz. Zwar leben dort 40000 Einwohner, das Google Ergebnis für „Kirchheim“ und „live Musik“ verwies auf eine Veranstaltung am 15. September, und laut der Homepage der Stadt ist das Freibad mit einem 50 Meterbecken eine Hauptattraktion. Nach 18 Uhr hat nur der Edeka offen – bis 22 Uhr! Ein Kino hat es mit 2 Filmen pro Woche, abwechselnd laufen sie mal um 17:15 und mal um 20:30. Ohne Live Musik hatte ich also locker Zeit, nach dem Einkaufen zum Film um 20:30 Uhr zu gehen, dazu immer ein Kirchheimer Bier mit Pluppverschluss, ich mag Rituale! Und Teck ist der Berg und die Burg darauf. Man sagt „die Teck“ zu beiden. Und steil gehts rauf, ein echter Leckerbissen für ambitionierte Radfahrer!

Das Schwäbische ist mir ja in die Wiege gelegt, zumindest passiv, und die Berührung wirkte den Ohren nicht fremd, dass ich nie schlimm oder eiskalt überrascht wurde. Bestens vorbereitet war ich auf das „Gsälz“ und die „Weckle“, das „Schlägle“, dass die Patienten in die Notaufnahme bringt, „Brezeln“ mit Butter und das „Rentnerviertele“ im „Weinstüble“. So schaffte ich es, wenn das Amusement des Augenblicks und Komik einzelner Situationen und Begegnungen in den Kopf stiegen, nicht ins „Fettnäpfle neizudatschden“, und einfach meinen „Gosch“ zu halten, denn auch still lässt sich die schwäbische Mundart genießen. Und ich habe durch Zuhören und Fragen noch viel mehr über die Verbreitung der Schwaben erfahren. Mit den Kollegen gab es wiederholt freundliche Reibereien, vor allem am Mittagstisch: der Prenzlerger im Ländle, und in Kirchheim wie überall am Fuße der Alb ist man stolz auf die mit 200000 Schwaben größte Exklave (i.e. Berlin). Und ich lernte über die Verbreitung schwäbischer Kultur: Nachfahren von Donauschwaben waren meine Kollegen und sowieso kamen sie aus so vielen interessanten Ländern mit so verschiedenen und interesanten Geschichten. Und in Ungarn und Rumänien werden auch heute noch schwäbische Volksfeste gefeiert.

Stuttgart ist eigentlich die schönste Stadt Deutschlands – eigentlich: inmitten von Weinbergen liegt dieses Idyll am Neckar, aus dem Kessel ist es eine Freude auf die grünen Berge rundherum zu schauen. Fast mediterran ruht die Hauptstadt der Schwaben und versprüht Gemütlichkeit. Nur warum gibt es kein schönes Café, das einfach zum Verweilen und Ruhen einlädt? Lieblose Bäckereien mit ein paar Stühlen vor dem Schaufenster, oder aufgepimpte Möchtegern-Hipsterlokale scheuchen mich von einem Ort zum anderen. Stundenlang radelte ich an den freien Tagen durch die Stadt, um mich mit Buch bei einem Kaffee zu entspannen. Zugegeben, Bad Cannstadt hat seinen Reiz, mit den vielen kleinen Brunnen, und die kleinen alten Häuser, an denen Wein rankt. Ebenso die langgestreckte Parklandschaft, die vom Neckar bis zum Schloss führt mit den Wildgänsen, die auf der Wiese weiden und den Graureihern, die in ihrer Dreistigkeit jeden Respekt vor mir verloren haben. Aber das Café habe ich nicht gefunden, das mich eingeladen hat, und so blieb dann irgendwann nur die Parkbank am Neckar, das Bier aus der Flasche, und ein Viertele in einem griechisch-schwäbischem Restaurant, das eher traurig und betrübt und weniger herzlich und willkommen wirkte.

Und dann war da Esslingen, der Ort, der mich immer wieder für besondere Momente aufgenommen hat, die alte Stadt und der leckere Wein, die engen Gassen und die Weinberge. Das Rathaus weltberühmt, Kesslers Sekt von hier. Blablabla. Die gemütliche Schönheit und das leckere Essen in den Nebengassen, dazu der weiße Wein, der den Puls nach dem radeln wieder auf ein normales Level geholt hat. Und zum Weihnachtsmarkt, so hieß es immer, muss ich unbedingt wiederkommen.

Die Zeit ging schnell vorüber, es blieb so vieles unentdeckt wie das eine Café in Stuttgart, wahrscheinlich war ich doch einfach ziemlich schaffig. Der Abschied fiel mir dann doch schwer, zum Abschied gab es ein Glas schwäbischen Honig vom Imker, der nebenbei mein Oberarzt war. Das Schwabenland am Fuße der Alb – ich hab es einfach gern!

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Meine Top-5-Liste aus dem Ländle:

1.Die Streuobstwiesen auf meiner Joggingstrecke: eigentlich habe ich keinen Sport gemacht, sondern mir mit Äpfeln, Pflaumen und Mirabellenden Magen vollgeschlagen.

2. Saure Nieren mit Kartoffelsalat, dazu Riesling in Esslingen im Weinkeller „Einhorn“

3. Der Hasen auf der Wasen – zugegeben ein echter Insider, aber der Umweg für das Foto hat sich gelohnt

4. Der Besuch der Teck-Burg. Auf 2,5 Kilometern geht es fast 400 Höhenmeter hoch. Der Kiosk an der Burg war geschlossen, das Restaurant ebenso, kein herzlicher Empfang, ganz durchgeschwitzt mit brennenden Lungen und Oberschenkeln – trotzdem ein wunderbares Abendfährtle nach einem intensiven Arbeitstag.

5. Schwäbischer Whisky: Tecker heißt der eine, und es gibt wohl auch konkurrierende Brennereien. Und Tecker ist wirklich lecker!