Von der Schwäche linker Extremisten

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Komisch, die ersten Reflexionen über den Ort, der über zwei Monate mein zu Hause war, fallen mir so schwer. Immer wieder setze ich an, um einen Anfang zu finden, zu erinnern, was und wie gewesen ist. Ist wohl nicht so viel passiert in dieser Zeit. Naja, den Winter habe ich gehen sehen, in den letzten Tagen war dann das morgendliche Konzert der Vögel vertrauter als der wochenlange Schnee in den Wintermonaten. Der Duft der sich langsam in Blüte werfenden Bäume und der Gong der Dorfkirche am Morgen, der mich persönlich immer zur Arbeit ruft. Als wäre alles immer so gewesen.

Kurorte haben eigene Uhren und lehren Gemütlichkeit und Ruhe… und Bad Elster ist ein solcher Kurort. Im sächsischen Vogtland an der Grenze zu Böhmen gelegen liegt es ca. 500 bis 600 Meter hoch, 7 Kurkliniken, 3600 Einwohner (inklusive umliegende Dörfer) und hat wie so viele Orte Deutschlands schon einmal Goethe bewirtet (Quelle: u.a. Wikipedia). Das Werbevideo auf der Homepage zeigt lustige anzuschauende Menschen mit barocken Perücken auf Kutschen. Die Zuschauer der Parade sind in der Mehrzahl auf Krücken gestützt und in Lebensjahren meiner Elterngeneration deutlich voraus.

Bahnhof

Am Bahnhof falle ich in die Zeit des Ortes: Der Bahnhof liegt tatsächlich hinter dem Berg, der Zug traut sich dort nicht mehr in das schmale Elstertal und lässt die Besucher, die dem vogtländischen Schienennetz vertrauen, genau hier zurück, etwa 2 km vor dem Ortskern, umgeben von Natur. Die Bahnhofsuhren stehen sicherlich seit Jahren, die Fenster sind zugenagelt. Den Bahnhof verbindet immerhin ein Bürgerbus – von Bürgern und für Bürger – welcher versucht, synchron mit den Zügen die Reisenden zu ihrem Ziel in der Zeitlosigkeit zu bringen. Mein Ziel war der Sonnenhof, eine Pension, in der ich ein Zimmer bekam für die 10 Wochen, während derer ich Rehabilitationsmedizin kennenlernen wollte. Da die „normalen“ Zimmer nicht frei waren, wurde mir eine Suite zugeteilt, ungläubig zu Beginn, im Verlauf dann immer sicherer in der Tiefe dieses Raumes bekam ich Gefallen an den Panoramafenstern zur Wiese vor meinem Fenster, obgleich ich auch im Verlauf immer wieder staunend die 12 wirklich recht großen Schritte vom Fernseher zur Küchenzeile am anderen Ende des Zimmers zählte.

Bad Elster konnte nichts dafür, das es sich mir zu Beginn verschlafen vorstellte: durch die kurze Jahreszeit, in welcher die hellen Stunden des Tages von der Arbeitszeit verschluckt werden, begegnete mir dieser Ort fast ausschließlich in der Dämmerung der Farben nach Sonnenuntergang. So pendelte ich durch den glitzernd kalten Schnee stapfend zwischen Edeka, Buchhandlung, Bäcker und Feinkostladen. Der Badeort achtet sehr auf Sauberkeit und Benehmen, dabei um Eleganz und Äußerlichkeit bemüht. Mir wäre nie in den Sinn gekommen, mit Bier in der Hand über den Kurplatz zu gehen, und so spielten sich die Abende fast ausschließlich in meiner Suite im Sessel am Fenster ab. Ohne Ablenkung bin ich lesend Nooteboom, Thoreau, Blom, Theroux und Kermani auf Reisen in die Welt gefolgt.

Bad Elster wäre kein Bad, wenn die Kurkundschaft nicht in Vorzüge einer Therme geraten könnte. Die Sachsentherme bietet der arbeitenden Bevölkerung den Mondscheintarif an, ab 18 Uhr 30 % Preisnachlass, das Komplettprogramm dann doch gewöhnungsbedürftig kostspielig, und die Beurteilung, ob es das Geld wert war, war aufgrund meiner allgemeinen Unkenntnis der Wellness und Spa-Programme in anderen Bäderorten nicht möglich. Ist auch egal. initial und auch final pflichtbewusst tastete ich mich auch in Ermangelung von spannenden Alternativen an das Badeprogramm heran, und wäre dann noch fast in einem Moorbad gelandet. Ein besonderes Erlebnis war trotz allem das so viel beworbene Schweben in der Sole. Mein Schweben war dann ein ambitionierter Versuch, meinen ganzen Körper unterzutauchen: im Wasser „toten Mann“ mimend war ich eine gefühlte Ewigkeit beschäftigt, die Füße am anderen Ende meines Körpers unter Wasser zu drücken. So lag ich dann -„toter Mann“ und amüsiert – und kämpfte für die Schwerkraft meiner Zehen im gnadenlosen Auftrieb der Sole. Das Honig und Salz Peeling in der Salzsauna war eine weitere Erfahrung.

In der Marienquelle am großen Platz kann jeder kostenlos probieren von den verschiedenen Quellen. Mineralgehalt und Wirksamkeit der einzelnen Quellen werden detailliert aufgelistet, Beratung inklusive, was hilft bei „Rücken“ oder „Magen-Darm“. Ich kann mich nicht entscheiden und trinke alles durcheinander, und entsprechend fühle ich mich danach, dass ich mich dann doch ganz schnell gegen eine Trinkkur entscheide.  

Das Kurprogramm wurde abgerundet durch regelmäßige Veranstaltungen Chursächsischen Philharmonie, zum Beispiel im mondänen König Albert Theater und ich nahm Platz zu den „vier Jahreszeiten“-Konzert der Kammerorchesters, das sich programmatisch um das ortstypische Publikum bemüht. Eine Diashow über eine Radtour nach Wladiwostok an einem anderen Abend erinnerte mich schon im Kurmodus an die Welt und Zeit dort draußen.

Begegnungen bei der Arbeit sind im Sanatorium jenseits der Akutmedizin vielseitig. Ich entdecke auf ganz andere Weise das Leid der gelähmten Patienten und wie sie mit den Therapeuten versuchen, das in den Griff zu bekommen. Und dass manchmal einfach nicht können wie sie wollen, und nicht nur die Therapeuten verzweifeln, wenn das Bein nicht will wie es soll, und Ansporn und Hoffnung Berge und Täler durchschreiten. Für mich gilt es auch zu entdecken, dass nicht können eben nicht können ist, und nicht nicht wollen, und allein die Fähigkeit zu bewegen noch keinen sicheren Gang macht, wenn die Wahrnehmung des Körpers gestört ist – klinische Relevanz von Apraxie und Neglect bei strukturellen Hirnerkrankungen. Und es findet sich Zeit, die Arbeit der Therapeuten zu entdecken. Das sind Möglichkeiten, die dem rein in der Akutmedizin arbeitendem oft verschlossen bleiben.

Andere Störungen lerne ich mit Gelassenheit zu begegnen. Mein logopädischer Kollege hat mich mehr als einmal darauf hingewiesen, dass die gezielte mikrogeographische Anamnese bei der Erfassung einer Sprechstörung noch vor der Untersuchung kommt. „Erst mal schauen, aus welcher Ecke die kommt, bevor ich das als Dysarthrie durchgehen lasse“, und manche Ecken und Täler dort gelten als „besonders schlimm“. Mit Selbstironie begegnen die Vogtländer hier ihrem Handicap aus „hor“ und „nor“. Und zu besonderer Erheiterung führte auch immer mal wieder die Sprechvervollständigung des Computerprogramms bei der Kodierung der Diagnosen, derer sich meine Kollegen, die aus fernen Ländern immer noch die Feinheiten der deutschen Sprache erforschten, besonders gerne bedienten. So dekodierten wir in einer Teamsitzung die „Schwäche linker Extremisten“ bei rechtem Hirnschlag als „Parese des linken Armes und des linken Beines“, und hoben so das zu behandelnde Problem aus der politischen Betrachtung in das richtige -hier medizinische- Licht.

Mit den länger werdenden Tagen konnte ich mich manchmal doch vortasten in die Winterlandschaft, und nach vielen nassen und ungemütlichen Berliner Wintern habe ich dann doch immer ausgedehntere Spaziergänge und die Winterlandschaft genossen, Zeit verbracht mit Tierspuren lesen und Schneeengel verfolgen, und in eine elegant verschneiten Winterwelt zu horchen, die selbst den Wind in den bepuderten Bäumen verschluckt und damit die Akustik der Stille ganz neu definiert.

An einem freien Tag spazierte ich flussaufwärts zu einem böhmischen Dorf, ein Kollege hat mir so viel von großen Tellern mit deftigen tschechischen Gerichten erzählt und ich mache den Spaß mit. dazu böhmisches Schwarzbier. An der Grenze gleich – Klischee?- ein immer geöffneter Supermarkt mit Karlsbader Oblaten, Bercherovka und billigem Fleisch – Förderung von Verkehr über die Staatsgrenzen hinaus ohne Schlagbäume oder grimmigen Grenzschutz mitten in Europa.

So erkundete ich in kleinem Radius meinen persönlichen Zauberberg, wissend, dass für mich die Zeit begrenzt ist. Die Wiederkehr der Vögel im März verkündet auch den Aufbruch. So verließ ich dann in Frieden früh morgens den Ort auf meinem Fahrrad, rollend durch das Tal und entlang der weißen Elster. Sonnenschein beflügelt, ich fliehe nicht, und doch machen die Leichtigkeit und der kühle Fahrtwind Freude und ich finde im Elstertal ganz langsam den Rhythmus meiner Zeit wieder.

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