Eiszeit auf der Insel

Immer wieder, wenn ich zu Hause auf die Weltkarte schaue, bin ich beeindruckt von der Größe Russlands und dem so weiten, beinahe unbewohnten Gebieten östlich des Ural. Gleich hinter der Steppe und nördlich davon liegt Sibirien. Die ewigen Wälder dort symbolisieren für mich seit den Reisen mit der transsibirischen Eisenbahn eine vergangene Zeit und die Ruhe einer Wildnis in dieser Welt, die eigentlich doch immer schon im Wandel ist und war, und stetig drängt, sich weiterzuentwickeln. Bewege ich mich dort nur in Gedanken, verliere ich den Sinn für das was ist und was sein wird. Viele einheimische Menschengruppen haben sich dort über Jahrtausende der Natur angepasst, leben weiter als Nomaden oder sind dort sesshaft geworden, wo die Nahrung das ganze Jahr hindurch ausreichend ist. Traditionen und Anschauungen haben sich vermischt und verteilt durch wandernde Völker und den Handel. Und Sibirien ist nicht nur Weite der Natur. Aus düsteren Zeiten sind die Orte auch mit Bestrafung und Verbannung assoziiert. Im GULAG-Museum in Moskau wird uns der Terror besonders in den 30er bis 50er Jahren in berührender Weise präsentiert. Die Aufarbeitung der Geschichte einzelner Opfer in dem Museum durch Bilder und Notizen kann Kälte und Willkür zwar beschreiben, dass Ausmaß des Terrors bleibt, obwohl Schätzungen und Zahlen diskutiert wurden, schwer begreiflich. Lebendig bleibt die Erinnerung an einen dunklen Raum in dem Museum, in dem eine den Raum füllende Stimme die Namen der Opfer aufsagt, nicht endend über Tage, Wochen, Monate. So sind die Geschichten der Erschließung Sibiriens durch die Eisenbahn in den vergangenen über hundert Jahren auch mit Krankheit und Tod ungezählter Menschen verbunden, denn die Eisenbahntrassen wurden insbesondere in dieser Zeit vor allem von Zwangsarbeitern gebaut. In früheren Zeiten wurden im Winter Schienen über den zugefrorenen Baikalsee gelegt, weil das die sicherere und einfachere Methode war, das „sibirische Meer“ zu umfahren. Erst später wurde der ganzjährig befahrbare Teil am südlichen Ufer fertiggestellt und so die Verbindung von Ostsee und Pazifik gesichert. Und bis heute werden Nebenstrecken und Abzweigungen noch immer ausgebaut, weil die Schienenstränge bis heute die Versorgung entlegener Winkel des Landes sicherstellen.

In meinen Erinnerungen an die vergangenen Reisen mit dem Zug durch das Land wurde der ewige Wald nur vereinzelt unterbrochen von kleinen Holzhäusern, die obwohl der Norm der Holzhäuser Sibiriens entsprechend aus jeder Zeit gefallen scheinen. Wir sitzen nach ein paar Tagen in Moskau im Zug Richtung Baikalsee und schauen immer wieder auf die Landschaft, die der Winter gen Osten übernimmt. In den Nächten sind manche Fenster der Häuser beleuchtet. Wahrscheinlich brennt ein Kamin, und eine Suppe auf dem Holzofen wärmt die Bewohner.

Im Zug erfahren wir, was sich im winterlichen Russland gehört, nämlich das ausreichende Heizen der Innenräume. Und zwar scheint es sich so zu gehören, dass es um so wärmer drinnen ist, je kälter die Außentemperatur. Die Menschen im Zug scheinen dem ungnädigen Winter etwas entgegensetzen zu wollen. Auch wenn es manchmal ganz schön stickig wird, ist das Recht auf Wärme im Überfluss hier nicht verhandelbar.

Abgerückt von Frost da draußen ist hier das Leben bei 29°C (tatsächlich im Wagen gemessen!) im gemeinschaftlichen Zugabteil. Die Pullover abgelegt, einige Mitfahrer gar in kurzen Hosen, folgen unsere Blicke nach draußen dem immer kälter werdenden Umland. In immer tieferen Schnee gehüllt; die Birkenwälder, die bepuderten Tannen bei sanftem Schneefall über die ersten Tage unserer Fahrt. Die Stille da draußen sehe ich und spüre ich, drinnen dabei das beruhigende rattern auf den Schienen. Östlich des Ural zeigt sich uns auch die Sonne, und damit kommen die Farben in die Landschaft am Fenster zurück. Das Licht malt die Schatten der Bäume in den glitzernden Schnee, und der Horizont bekommt sanfte Farben – und verträumte Blicke auf Datschen und einsame Höfe werden immer mal wieder durch einen Fotoklick unterbrochen.

Der Zug braucht unterwegs immer mal Pausen und so halten wir ein paar mal pro Tag (oder Nacht) für eine halbe Stunde an Bahnhöfen. Besonders jetzt ist diese Zeit nötig, um die Mechanik der Wägen vom Eis zu befreien, und wir vernehmen laute Schläge mit Eisenstangen gegen den stählernen Unterboden der Zugwägen. Ja, was fordert der Winter von der Eisenbahn. Die Mitfahrer steigen dann in ihren kurzen Hosen auf den Bahnsteig, rasch Jacke und Mütze übergezogen vertreten sich die Füße, rauchen oder kaufen ein an den Ständen neben dem Zug. Wir machen Fotos und schätzen die langsam auf dem Weg nach Osten sinkende Außentemperatur, in Irkutsk bei Ankunft sind es dann schon -17°C, 6 Zeitzonen östlich von Berlin. Der Baikal liegt weItere 70km weiter nordwestlich. Unser Ziel ist dort die Olkhon-Insel, die größte Insel des Sees. Mit dem Bus sind es ca 6 Stunden auf durchgehend guten und vom Winter gesäuberten Straßen. Die feuchte Luft im vollgepackten Bus gefriert an den Fenstern und bietet Ausblick auf ein Blumenmeer aus Eis. Zur Insel setzen wir dann über mit dem Luftkissenboot. Es macht Freude, mit Tempo über den See zur Insel zu schlittern, und auch Erleichterung, dass wir nicht mit dem Bus rüberfahren. Vertrauen in das Eis muss man sich langsam erarbeiten.

Das Dort Khuzhir ist der größte Ort auf der Insel, sehr trockenes Klima mit weit über 200 Sonntagen im Jahr, dass hier auch jetzt Anfang Februar wenig Schnee liegt. Nicht einmal 1000 Menschen leben hier, aber der Ort ist in den letzten Jahren immer beliebter bei Touristen geworden, insbesondere aus den ostasiatischen Ländern. Khuzhir, die alte Burjatensiedlung hat einen heiligen Felsen, den „Schamanen-Felsen“, wo sich regelmäßig zu Sonnenaufgang und Sonnenuntergang die Touristen treffen. Noch vor einigen Jahren wurde in Khuzhir Fisch aus dem Baikal verarbeitet, die Fabrik ist heute nicht mehr in Betrieb und ist dem Zerfall ausgesetzt. Die immer noch bedürftige Infrastruktur (erst seit 2005 an das Stromnetz angeschlossen) hindert wohl, dass zu viele Hotels und Anlagen sprießen. Meist sind es kleine Gasthäuser in Familienbetrieb, Homestays, die den Tourismus unterhalten. Eine generelle Kanalisation gibt es noch nicht, und das Trinkwasser kommt mit dem Lastwagen in die Häuser. Entsprechend den äußeren Begebenheiten ist die Inneneinrichtung abgestimmt: eine Dusche wird mit den Vermietern längerfristig geplant, und zwei Gäste erhalten ca 40 Liter heißes Wasser in die Banja des Hauses geliefert. Das ist mehr als genug, wenn man bewusst unter der Dusche steht, wissend, dass das gerade kostbar und Luxus ist, vor allem im Winter. Zur täglichen Versorgung gibt es einen Supermarkt und mehrere kleine Krämer-Läden neben heimischer Küche in einer Handvoll kleiner Restaurants. Dort probieren wir die verschiedenen lokalen Gerichte. Ein besonderer Blickfang des Ortes ist die langgestreckte Hauptstraße, die sich vom Baikal in die nahen Wälder zieht, selbst im Winter staubig und trocken. Die unverwüstlichen russischen Minivans rasen mit Schwung vom See in die Wälder und Berge und zurück. Die Staubwolken, die sie hinterlassen sind eher einem alten Western als einem Dorf in Sibirien zuzuordnen. Auf den Straßen leben Hunde und Kühe friedlich mit den Menschen zusammen. Raben in der Luft (echte Kolkraben!) glucksen morgendlich ihre Lieder. Die Insel ist Nationalpark, die Umgebung der Siedlung dichter Nadelwald. Bei der Kälte machen wir auch Spaziergänge durch den Wald, sind fasziniert von der großen Menge der Tierspuren im Schnee und versuchen zu erraten, wer neben streunenden Hunden durch das Dickicht gelaufen ist. Luchse soll es hier geben, Schneehasen und so weiter. Im Winter sollen sich immer mal wieder Wölfe vom Festland rübermachen, ganze Rudel aber seien selten zu finden. Wir bleiben unter uns im Wald, bewundern das Lichtspiel durch die eng stehenden Bäume und die Stille im Schnee und versuchen die Spuren der Tiere zu deuten.

Und dann ist da der mächtige See. So tief, dass er bei seiner Größe ein Fünftel des Süßwassers der Erde speichert. Voll Bewunderung tasten bei klarer Sicht unsere Blicke die Küstenlinie ab, und die Eisformationen. Die Schiffe am Hafen sind sind eingefroren. Manche Felsen sind geradezu überzogen mit einer Eisschicht. Wilde Formen, festgefrorene Wassermassen. Wie entstehen sie Jahr für Jahr aufs neue?

Das Eis und die Kälte symbolisieren für mich auch die Macht der sibirischen Winter. Wir erleben mit unserem kurzen Besuch hier nur einen Augenblick der Kälte und sind tief beeindruckt von den trotz Winterschuhen und Fellhandschuhen so schnell erkaltenden Gliedmaßen und der knisternden Atmung in der ständig roten Nase. Da fliegen Raben über die Siedlung, die so vergnügt glucksen, die Hunde wälzen sich voll Freuden im Schnee. Ein Welpe hat es uns angetan, ich möchte ihn gerne wärmen. Ist ihm wirklich nicht zu kalt? Wie machen das die Tiere und Menschen hier? Was trinken die Vögel? Was essen sie? Die Baikalrobben, wie finden sie Löcher zum Atmen im Eis? Ständig in Bewegung. Und starr ist im Winter nicht mal das Eis. Es arbeitet den ganzen Winter, das sieht man an den Bruchkanten, an denen sich riesige Eisstücke zusammengedrückt oder auseinandergeschoben haben, und das hört man als jauchzen, glucksen und stöhnen, gelegentlich auch grummeln, begleitet von einem Beben. Das erste Mal macht das mir Angst, als ich das Beben unter Füßen spüre, dass ich einmal die Beine in die Hand nehme, und es bleibt das mulmige Gefühl, auch wenn wir uns rasch weiter auf den See trauen. Eigentlich kann nichts passieren, sagen auch die Einheimischen, zu dieser Jahreszeit, und der rege Verkehr der Autos auf dem See lässt auch keine andere Deutung zu. Das Eis ist an manchen Stellen schneefrei und erlaubt einen Blick nach unten. Stehe ich auf dem Eis und blicke nach den Rissen, die in die Tiefe führen, wird mir schwindelig. Der Baikal als tiefster See der Erde lässt hier den Grund nicht mal erahnen. Ganz dunkel nur unter meinen Füßen. Wie dick das Eis mindestens ist, zeigt sich direkt vor dem Ort auf dem See. Hier werden große Quader aus dem Eis geschnitten. In den nächsten Tagen werden für die Wintertage Skulpturen aus diesen Eisblöcken geschnitten. Wir beobachten die Künstler aus der Ferne. Schade, dass wir das fertige Produkt nicht mehr sehen. Nach einer Woche fahren wir schon weiter, im Gepäck verstaut noch mehr Fragen, und die Erinnerungen an einen kleinen Ort im Winter in diesem größten Land. Und Träume wiederzukommen, sehen wie der Winter geht und der Sommer kommt.