Von der Schwäche linker Extremisten

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Komisch, die ersten Reflexionen über den Ort, der über zwei Monate mein zu Hause war, fallen mir so schwer. Immer wieder setze ich an, um einen Anfang zu finden, zu erinnern, was und wie gewesen ist. Ist wohl nicht so viel passiert in dieser Zeit. Naja, den Winter habe ich gehen sehen, in den letzten Tagen war dann das morgendliche Konzert der Vögel vertrauter als der wochenlange Schnee in den Wintermonaten. Der Duft der sich langsam in Blüte werfenden Bäume und der Gong der Dorfkirche am Morgen, der mich persönlich immer zur Arbeit ruft. Als wäre alles immer so gewesen.

Kurorte haben eigene Uhren und lehren Gemütlichkeit und Ruhe… und Bad Elster ist ein solcher Kurort. Im sächsischen Vogtland an der Grenze zu Böhmen gelegen liegt es ca. 500 bis 600 Meter hoch, 7 Kurkliniken, 3600 Einwohner (inklusive umliegende Dörfer) und hat wie so viele Orte Deutschlands schon einmal Goethe bewirtet (Quelle: u.a. Wikipedia). Das Werbevideo auf der Homepage zeigt lustige anzuschauende Menschen mit barocken Perücken auf Kutschen. Die Zuschauer der Parade sind in der Mehrzahl auf Krücken gestützt und in Lebensjahren meiner Elterngeneration deutlich voraus.

Bahnhof

Am Bahnhof falle ich in die Zeit des Ortes: Der Bahnhof liegt tatsächlich hinter dem Berg, der Zug traut sich dort nicht mehr in das schmale Elstertal und lässt die Besucher, die dem vogtländischen Schienennetz vertrauen, genau hier zurück, etwa 2 km vor dem Ortskern, umgeben von Natur. Die Bahnhofsuhren stehen sicherlich seit Jahren, die Fenster sind zugenagelt. Den Bahnhof verbindet immerhin ein Bürgerbus – von Bürgern und für Bürger – welcher versucht, synchron mit den Zügen die Reisenden zu ihrem Ziel in der Zeitlosigkeit zu bringen. Mein Ziel war der Sonnenhof, eine Pension, in der ich ein Zimmer bekam für die 10 Wochen, während derer ich Rehabilitationsmedizin kennenlernen wollte. Da die „normalen“ Zimmer nicht frei waren, wurde mir eine Suite zugeteilt, ungläubig zu Beginn, im Verlauf dann immer sicherer in der Tiefe dieses Raumes bekam ich Gefallen an den Panoramafenstern zur Wiese vor meinem Fenster, obgleich ich auch im Verlauf immer wieder staunend die 12 wirklich recht großen Schritte vom Fernseher zur Küchenzeile am anderen Ende des Zimmers zählte.

Bad Elster konnte nichts dafür, das es sich mir zu Beginn verschlafen vorstellte: durch die kurze Jahreszeit, in welcher die hellen Stunden des Tages von der Arbeitszeit verschluckt werden, begegnete mir dieser Ort fast ausschließlich in der Dämmerung der Farben nach Sonnenuntergang. So pendelte ich durch den glitzernd kalten Schnee stapfend zwischen Edeka, Buchhandlung, Bäcker und Feinkostladen. Der Badeort achtet sehr auf Sauberkeit und Benehmen, dabei um Eleganz und Äußerlichkeit bemüht. Mir wäre nie in den Sinn gekommen, mit Bier in der Hand über den Kurplatz zu gehen, und so spielten sich die Abende fast ausschließlich in meiner Suite im Sessel am Fenster ab. Ohne Ablenkung bin ich lesend Nooteboom, Thoreau, Blom, Theroux und Kermani auf Reisen in die Welt gefolgt.

Bad Elster wäre kein Bad, wenn die Kurkundschaft nicht in Vorzüge einer Therme geraten könnte. Die Sachsentherme bietet der arbeitenden Bevölkerung den Mondscheintarif an, ab 18 Uhr 30 % Preisnachlass, das Komplettprogramm dann doch gewöhnungsbedürftig kostspielig, und die Beurteilung, ob es das Geld wert war, war aufgrund meiner allgemeinen Unkenntnis der Wellness und Spa-Programme in anderen Bäderorten nicht möglich. Ist auch egal. initial und auch final pflichtbewusst tastete ich mich auch in Ermangelung von spannenden Alternativen an das Badeprogramm heran, und wäre dann noch fast in einem Moorbad gelandet. Ein besonderes Erlebnis war trotz allem das so viel beworbene Schweben in der Sole. Mein Schweben war dann ein ambitionierter Versuch, meinen ganzen Körper unterzutauchen: im Wasser „toten Mann“ mimend war ich eine gefühlte Ewigkeit beschäftigt, die Füße am anderen Ende meines Körpers unter Wasser zu drücken. So lag ich dann -„toter Mann“ und amüsiert – und kämpfte für die Schwerkraft meiner Zehen im gnadenlosen Auftrieb der Sole. Das Honig und Salz Peeling in der Salzsauna war eine weitere Erfahrung.

In der Marienquelle am großen Platz kann jeder kostenlos probieren von den verschiedenen Quellen. Mineralgehalt und Wirksamkeit der einzelnen Quellen werden detailliert aufgelistet, Beratung inklusive, was hilft bei „Rücken“ oder „Magen-Darm“. Ich kann mich nicht entscheiden und trinke alles durcheinander, und entsprechend fühle ich mich danach, dass ich mich dann doch ganz schnell gegen eine Trinkkur entscheide.  

Das Kurprogramm wurde abgerundet durch regelmäßige Veranstaltungen Chursächsischen Philharmonie, zum Beispiel im mondänen König Albert Theater und ich nahm Platz zu den „vier Jahreszeiten“-Konzert der Kammerorchesters, das sich programmatisch um das ortstypische Publikum bemüht. Eine Diashow über eine Radtour nach Wladiwostok an einem anderen Abend erinnerte mich schon im Kurmodus an die Welt und Zeit dort draußen.

Begegnungen bei der Arbeit sind im Sanatorium jenseits der Akutmedizin vielseitig. Ich entdecke auf ganz andere Weise das Leid der gelähmten Patienten und wie sie mit den Therapeuten versuchen, das in den Griff zu bekommen. Und dass manchmal einfach nicht können wie sie wollen, und nicht nur die Therapeuten verzweifeln, wenn das Bein nicht will wie es soll, und Ansporn und Hoffnung Berge und Täler durchschreiten. Für mich gilt es auch zu entdecken, dass nicht können eben nicht können ist, und nicht nicht wollen, und allein die Fähigkeit zu bewegen noch keinen sicheren Gang macht, wenn die Wahrnehmung des Körpers gestört ist – klinische Relevanz von Apraxie und Neglect bei strukturellen Hirnerkrankungen. Und es findet sich Zeit, die Arbeit der Therapeuten zu entdecken. Das sind Möglichkeiten, die dem rein in der Akutmedizin arbeitendem oft verschlossen bleiben.

Andere Störungen lerne ich mit Gelassenheit zu begegnen. Mein logopädischer Kollege hat mich mehr als einmal darauf hingewiesen, dass die gezielte mikrogeographische Anamnese bei der Erfassung einer Sprechstörung noch vor der Untersuchung kommt. „Erst mal schauen, aus welcher Ecke die kommt, bevor ich das als Dysarthrie durchgehen lasse“, und manche Ecken und Täler dort gelten als „besonders schlimm“. Mit Selbstironie begegnen die Vogtländer hier ihrem Handicap aus „hor“ und „nor“. Und zu besonderer Erheiterung führte auch immer mal wieder die Sprechvervollständigung des Computerprogramms bei der Kodierung der Diagnosen, derer sich meine Kollegen, die aus fernen Ländern immer noch die Feinheiten der deutschen Sprache erforschten, besonders gerne bedienten. So dekodierten wir in einer Teamsitzung die „Schwäche linker Extremisten“ bei rechtem Hirnschlag als „Parese des linken Armes und des linken Beines“, und hoben so das zu behandelnde Problem aus der politischen Betrachtung in das richtige -hier medizinische- Licht.

Mit den länger werdenden Tagen konnte ich mich manchmal doch vortasten in die Winterlandschaft, und nach vielen nassen und ungemütlichen Berliner Wintern habe ich dann doch immer ausgedehntere Spaziergänge und die Winterlandschaft genossen, Zeit verbracht mit Tierspuren lesen und Schneeengel verfolgen, und in eine elegant verschneiten Winterwelt zu horchen, die selbst den Wind in den bepuderten Bäumen verschluckt und damit die Akustik der Stille ganz neu definiert.

An einem freien Tag spazierte ich flussaufwärts zu einem böhmischen Dorf, ein Kollege hat mir so viel von großen Tellern mit deftigen tschechischen Gerichten erzählt und ich mache den Spaß mit. dazu böhmisches Schwarzbier. An der Grenze gleich – Klischee?- ein immer geöffneter Supermarkt mit Karlsbader Oblaten, Bercherovka und billigem Fleisch – Förderung von Verkehr über die Staatsgrenzen hinaus ohne Schlagbäume oder grimmigen Grenzschutz mitten in Europa.

So erkundete ich in kleinem Radius meinen persönlichen Zauberberg, wissend, dass für mich die Zeit begrenzt ist. Die Wiederkehr der Vögel im März verkündet auch den Aufbruch. So verließ ich dann in Frieden früh morgens den Ort auf meinem Fahrrad, rollend durch das Tal und entlang der weißen Elster. Sonnenschein beflügelt, ich fliehe nicht, und doch machen die Leichtigkeit und der kühle Fahrtwind Freude und ich finde im Elstertal ganz langsam den Rhythmus meiner Zeit wieder.

Aus der Spitzenstadt

Es braucht manchmal ein paar Tage, um einen neuen Ort aus eigener Perspektive zu entdecken. Klar bin ich voreingenommen, werden die Schlagzeilen über diese Gegend doch durch die rechte Hetze dominiert, dazu eine aktuelle Recherche der Taz im September auf drei Seiten: „Es brennt in Plauen“ – eine Reportage über mutmaßlich fremdenfeindliche Übergriffe, wo Polizei und Staatsanwaltschaft trotz eindeutigen Hinweisen keine Parallelen ziehen wollen, und die Serie von Brandanschlägen auf von Romafamilien bewohnte Häuser als Einzeltaten und ohne rassistischen Hintergrund darstellen. Gruselig… wie sollen da Reisegeschichten auf den Straßen oder in den Schlaglöchern der Stadtgeschichte wachsen?

Plauen im Vogtland war die nächste Etappe in meinem Wanderarbeiterleben. Hier wird der mit dem Zug reisende Ankömmling am oberen Bahnhof in einer übergroßen und meist ganz leeren Bahnhofshalle empfangen, der ausladende Bau aus den Nachkriegsjahren soll mal der Modernste des Ostens gewesen sein und sogar Walter Ullbricht war hier zur Einweihung Anfang der 70er.

Als ich nach einer Ankunft die beiden Wächter am Ausgang des Bahnhofes sehe, steige ich in Provokationslaune in der Halle auf mein Rad. Beim Passieren schauen die Polizisten grimmig „Sie wissen aber schon, was sie gerade falsch machen?“ fragt der eine. Ich bin doch ganz allein, wen soll ich denn totfahren? „Ja, aber die Bahnhofsordnung gibt es nicht ohne Grund“… Willkommen in Sachsen!

Für meine eigene Perspektive auf den neuen Ort helfen mir dann ein ausgeglicheneres Gemüt und offene Augen, und eine Nase. Und natürlich etwas Glück beim Streifen durch die Straßen. Und so kamen wir nach einer Woche zusammen, die „Neue Plauener Kaffeerösterei“ und ich. Und das wurde rasch der Ort, an dem ich immer wieder zurückgekehrt bin für einen Espresso, zum Lesen oder um Geburtstagsgeschenke zu kaufen. Und jedes mal gab es einen Stempel auf meiner Rabattkarte. Es wird vor Ort geröstet, und der Laden duftet wunderbar. Ich kann auswählen zwischen äthiopischem, kenianischem, brasilianischem Kaffee sowie Kaffee aus Guatemala, alles Bio und Fair und wahlweise mit Aroma von Nuss, Nougat, Heidelbeere, Aprikose oder bodenständig und kräftig – wer es nicht so fruchtig mag. Kenne ich sonst nur von den Beschreibungen versierter Weinverkäufer. Ein besonderer Genuss ist allgemein der frisch aufgebrühte fruchtige, nach Heidelbeeren schmeckende äthiopische Filterkaffee – im Zeitalter der globalen Hipsterinvasion ist diese Retrotechnik der Kaffeezubereitung auch (wieder) in Plauen angekommen. Ehrlich gesagt habe ich ganz vergessen, wie lecker der Kaffee mit dem Porzellanfilter bei Oma in der Küche war.

Plauen ist eine der alten Prachtstädte aus der Zeit der Industrialisierung, um die vorletzte Jahrhundertwende mit über 120000 Einwohnern noch Großstadt, leben heute etwa 60000 Menschen hier, Tendenz aktuell noch weiter sinkend. In der Blütezeit war Plauen berühmt für seine Textilverarbeitung, besonders die „Plauener Spitzen“. Alte Weberhäuser entlang der weißen Elster sind heute als kleine Museen erhalten (wenn auch derzeit nicht geöffnet). Das Zentrum wird dominiert von den Häusern aus der Gründerzeit, als Plauen durch die Maschinisierung der Textilherstellung und der Plauener Spitzen besonders rasch zur Großstadt heranwuchs. Und noch vor 100 Jahren hatte die Stadt die höchtste Millionärsdichte, erzählen mir meine Kollegen.

Die Innenstadt liegt im Tal und die Fahrt bergab vom oberen Bahnhof wirkt auf leerer breiter Straße wie eine Zeitreise – entlang der Plattenbauten – und kein Auto das auf den leeren Straßen stört. Nur der Fahrtwind berauscht die Ohren und ich lehne mich dagegen auf dem Weg in das fein hergerichtete alte Zentrum der Metropole des Vogtlandes.

Plauen war mir schon als Kind ein Begriff, als fleißiger Klappentextleser wusste ich, das die Geschichten von Vater und Sohn von einem e.o.plauen verfasst wurden: Erich Ohser aus Plauen. Und in Plauen ist man stolz auf diesen Bürger, ihm ist hier ein Haus, eine Statue und ein Kunstpreis gewidmet. Durch seine kritische Haltung als politischer Satiriker hat der berühmteste Plauener Bürger den Nationalsozialismus übrigens nicht überlebt, er tötete sich selbst und entging so der Hinrichtung durch die Nazis.

Durch die Stadt streifend entdecke ich weitere geschichtsträchtige Ereignisse: ein Gedenkstein am Malzhaus erinnert an das letzte Konzert von Rio Reiser, das hier in Plauen stattgefunden hat. Das Malzhaus ist überhaupt das kulturelle Zentrum von Plauen, hier werden auch die Bewerber und Sieger des e.o.plauen Wettbewerbs ausgestellt, in einer Kellerkneipe finden Buchvorstellungen statt und von dem dazugehörigen Biergarten ist der Blick auf das Elstertal besonders schön. Und mehrmals im Monat werden Arthouse Kinofilme vorgeführt. Abende in Plauen lassen sich ganz gut füllen.

Durch die Nachtdienste bei meiner Arbeitsstelle habe ich auch ganze freie Tage, quasi als Entschädigung, dass ich die Nacht im Krankenhaus verbringe. Bei besonders schönem Wetter fahre ich mit dem Rad raus aus der Stadt. Das Vogtland ist durchgehend hügelig und Richtung Süden wird es sogar richtig bergig. Die kleinen Straßen sind leer, ich kann die Anstiege schaukeln und kurven wie ich will, um muss mich nicht um Fährräder jagende Trucks von hinten oder vorne sorgen. Kurze Kopfsteinpflasterpassagen immer mal wieder – ohne Gepäck fluche ich dann höchstens kurz und bilde mir ein, dass ich die Massage der Oberarme und der Wirbelsäule genieße. Die Felder sind schon abgeerntet, ich passiere gegen mächtige Staumauern gelehnte ruhende Seen. Die Orte sind auf Wintertourismus aus, im Spätsommer sind nur wenige Cafés und Restaurants geöffnet. In Schöneck finde ich aber einen Ort zum Rasten: der „erste Biobäcker im Vogtland“ hat offen und ich gönne mir einen Kaffee und ein Gebäck.

Bayern ist ganz nah, und manchmal mache ich rüber nach zum Schäufele essen nach Franken. Das ist ungefähr die Strecke des Ballons, habe ich gehört; und durch die grüne Zone führt nun ein wunderbarer Radweg…

Und dann das so ersehnte „Highlight“: Pausa liegt im nördlichen Vogtland, gute Fahrraddistanz von Plauen und ich mache mich an einem weiteren Tag auf zum Mittelpunkt der Welt. Der Herbst ist mittlerweile da und auf dem Rad hätte ich auch schon Handschuhe tragen können. Pausa macht dann schon am Ortseingang auf seine herausragende Stelle auf diesem Erdball deutlich. Das, worum sich hier alles dreht, ist gut ausgeschildert, und rasch stehe ich vor dem Rathaus mit dem großen Globus auf dem Dach: „Mittelpunkt der Erde“. Warum das so ist, das hat sich in den Sagen und Märchen des Vogtlandes verzettelt. Ich finde die Erklärung von meinem Oberarzt am überzeugensten, dass die Erde irgendwie schief steht oder die Achse gekrümmt ist oder so ähnlich, und zwar in einem speziellen Winkel und da liegt eben Pausa, ist eben so – oder so. Und so kommt es, dass sich alles um Pausa dreht, das ist Fakt! Und nicht Berlin, Paris oder Manhattan, ha! Und für 50 Cent geht im Rathausgewölbe ein Licht an, und ich kann auf die Erdachse schauen, und sie sogar ölen! Ich öle sie für 50 Cent, will unbedingt, dass sie sich noch ein paar Jahre dreht. Und damit das auch so bleibt, gibt es in Pausa die Erdachsendeckelscharnierschmiernippelkommission e.V., die sich um alles kümmert. Jawoll, darauf einen Kaffee und einen Kuchen. Denn sie bewegt sich (doch) noch!

Die letzten Tage vereinnahmen mich die Plauener Spezialitäten, hier meine Top 5:

  1. Plauener Spitzen, eine Tischdecke aus Löchern kaufe ich für mich, denn auch ich will es mal schön haben zu Hause!
  2. Plauener Kaffee besorge ich für die ganze Bande, es gibt zwar auch einen Onlineshop, aber so spare ich Porto.
  3. Bambes. Wusste zuerst nicht, was das eigentlich ist, hab es gegoogelt und bin dann in das „Matsch“ eingekehrt, das älteste Restaurant im Ort – seit 1500 durchgehend warme Küche oder so. Und ein Bambes-Burger: leckeres Räucherfleisch und Sauerkraut zwischen zwei Kartoffelpuffern. Genial! Wenn nicht hier, dann hätte ich das in einem Foodtruck auf einem alternativen Festival gefunden. Glutenfrei und aus kontrolliert ökologischem Anbau, knorke!
  4. Sternquell kommt aus Plauen und ist so ca. angesiedelt zwischen Urquell und Sternburg. Und damit voll trinkbar. Und es gibt zeitgemäß neben Pils auch Kellerbier und Kellerbier naturtrüb.
  5. Schrippe mit Vogtländer Knacker ist in jedem Supermarkt und sogar in der Kantine der Klinik zu haben und zu jeder Tageszeit ein echter Hit.

Zwischenstopp in Leipzig

Bei zwei Stunden Aufenthalt in Leipzig auf dem Weg nach Berlin bin ich mal wieder durch meine Studentenstadt. Die Regionalbahn von Gera kommend hält bequem in Leipzig-Plagwitz, dass ich gemütlich mit dem Rad auf dem Weg zum Hauptbahnhof durch die neu sanierten Stadtteile gondeln kann. Schon spannend zu sehen der Wandel in der Stadt. Ok:,Zeitraffer: war ja auch an vielen Stellen hier 10 Jahre nicht mehr gewesen. Und dann mein ehemaliges Wohnviertel „Lindenau“! Damals haben in meinem Hinterhof in aller Regelmäßigkeit die Mülleimer gebrannt, und alles war eigentlich nur billig und schäbig dort. Kaum einer hat dort freiwillig leben wollen. Jetzt steht da ein Hipsterlokal neben dem anderen, genau da wo meine Nachbarn immer mit Bierflaschen in der Hand den Straßenbahnen der Linie 7 nach Böhlitz-Ehrenberg nachgeschaut und mir beim vorbeiradeln einen guten Morgen oder guten Abend gewünscht und ein Bier angeboten haben. Die Straßen wirken teilweise schon fein und aufgeräumt und in dem neuen Schawarmaläden am Markt in Lindenau spricht man mich auf englisch an. Nur halbherzig zu wehren scheint sich die Leipziger Seele gegen den Einzug des Kapitals und der Touristen aus den Metropolen der Welt.

Meine alten Nachbarn habe ich leider nicht mehr gesehen.

 

Berlin – Sarajevo

Die Idee war da schon lange, als ich im Juli Zeit für diese Tour gefunden habe. Ordentliche Strecke, wenig Jahresurlaub, dass ich geplant hatte, mit dem Rennrad die Strecke zu machen. 1200km grob, 12 Tage wollte ich unterwegs sein, irgendwie wollte ich das meinem Klapprad nicht zutrauen.

Die erste Etappe nach Görlitz hatte ich Begleitung, und Robert kann wirklich radeln. Früh sind wir los, ein paar Kilometer raus aus der Stadt mit dem Zug; wir wollten die langen Geraden Brandenburgs und nicht die Schatten der Häuser in der Hauptstadt. Gute 150km sind wir auf fast ebener Strecke überwiegend zusammen geradelt, und erst im Süden am Neiße-Radweg war ich dann abgehängt und schließlich gute 30 Minuten später als er in Görlitz (nun ja, eher schmeichelhaft). Immerhin, knapp über 200km am ersten Tag gefahren.

Und Görlitz…, der Leerstand der Immobilien entlang der teilrenovierten Prachtstraßen war dann doch verstörend. Trotzdem bot es in tiefster Tristesse Raum für ganz unerwartete Begegnungen: am Brauhaus der Stadt konnten wir ein Wegbier („ausnahmsweise“) vom stolzen Pförtner kaufen, und wurden dann  – quasi als Belohnung für das mutige Anschnorren – professionell in die Bier- und Trinkkultur eingeführt: die verschiedenen Schenkmethoden von Pils und Kellerbier und die Handhabung der Flasche bis zum Entfernen des Kronkorkens. Wir waren uns einig, diese Begegnung ist eine eigene Reisegeschichte wert. Und das schlesische Essen in Görlitz und den trägen Blick auf die länger werdenden Schatten der Häuser haben wir uns nach dem Tag verdient. Und später noch Zuckerwatte – ein Tag für Geschichtensammler!

Rennrad auf Tour ist doch anders, auch wenn ich vorher viel über die Bepackung nachgedacht habe und eigentlich ganz zufriedenstellende Lösungen mit neuen Bikepacking-Methoden gefunden habe – es fehlte mir doch ein wenig die Gemütlichkeit. Tief gebeugt über den Lenker mache ich in erster Linie Strecke, die Konzentration ist eng am Rad und der Austausch mit der Umwelt ist irgendwie erschwert.

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War es also Zufall oder Fügung?: Schon nach kurzer Strecke nach Görlitz fiel mir auf, dass ich den Reisepass zu Hause vergessen habe. Den benötige ich doch für den Grenzübertritt nach Bosnien, oder? Die Frage konnte ich bis zum Ende der Reise nicht sicher klären. Alle Suchtrupps, die ich über Handy aktivieren konnte, um meine Wohnung nach Reisepässen zu durchstöbern, blieben erfolglos (bis auf die Sammlung abgelaufener Pässe, die ausgegraben wurde). So musste ich dann in Görlitz doch noch mal umkehren, um den Reisepass selbst zu suchen und zu finden. Habe nicht viel überlegt und zu Hause rasch auf das bewährte Faltrad umgesattelt. Mit Brompton bin ich dann am nächsten Tag nach Prag und von dort nach Pardubitz mit dem Zug, um dort weiterzuradeln. Vor genau 20 Jahren war ich das letzte Mal hier in Pardubitz, und habe nun kurz versucht, den Ort auf mich wirken zu lassen. Die Schachsommer hier waren legendär, und ich erinnere das Bier in den Studentenclubs, und das Essen in den vielen Restaurants, das ich mir damals – 1998 – selbst als Schüler leisten konnte. Ähnlich heiße Tage, verrückte Sommerzeit – so frei und leicht war es damals.

Diese Reise und viele Vorbereitungen liefen eher unbewusst und ungeplant, so blieb allerdings auch manche Kleinigkeit auf der Strecke: ein Buch oder wenigstens ein Notizbuch zum Beispiel und eine Taschenlampe. Also fuhr ich Tag für Tag bis zur Erschöpfung, um schnell einzuschlafen mangels adäquater alternativer Freizeitbeschäftigung (z.B. lesen, schreiben etc.) und flog an Landschaften und Ländern ohne große Pausen vorbei. Trotzdem immer der Versuch, Augenblicke einzufangen, wie die kleinen Dörfer zwischen den tiefen tschechischen Wäldern, überall schon reifes Steinobst, verschiedene Leckereien aus lokalen Bäckereien, und dann die  bunten Schmetterlinge in Ungarn – ja, es gibt hier noch Schwalbenschwänze! Und die lustigen Sonnenblumenfelder überall: alle Köpfe der Sonne zugeneigt; in Formation wirkte es mehr wie eine eingeübte Choreographie zum Jahrestag der Partei. In der Slowakei bin ich bei Bratislava der Donau gefolgt. Es war so heiß, dass ich es den anderen Flaneuren dort gleichgemacht habe und „oben ohne“ am großen Fluss gen Süden und Osten gefahren bin – ganz schamlos den Schweiß über den nackten Oberkörper habe laufen lassen. Dann erinnere ich den Abend in Gjör in Ungarn. Auch wenn ich körperlich zu erschöpft war, um mich auf die Stadt einzulassen, habe ich den Fluss dort genossen, das Farbenspiel der elektrischen Lichter über dem Wasser, habe an der Promenade den Liebespaaren ihre Zweisamkeit gegönnt, und einfach den Dunst der abendlichen Zigarette auf meine Lungen wirken lassen, quälend, schmerzhaft, schön, auch das sind Reisemomente.

Und dann die Fahrt durch Bosnien, an vielen Orten schaurige Erinnerungen an die Kriege vor so kurzer Zeit. Durch kleine balkantypische Dörfer, ganz friedlich und einladend, habe ich mich der Hauptstadt genähert. An den Straßen wurden Pilze und Honig verkauft, da bin ich natürlich dem Konsum verfallen.

Es gab viele weitere Augenblicke, die im Gedächtnis bleiben. Hier meine Top 5 Erinnerungen:

  1. Die Übernachtung am Balaton stand auf meiner must-do-Liste: Im Biwaksack war ich den Mücken dann ausgeliefert, oder zumindest Mund oder Nase, mit denen ich Kontakt zur frischen Luft außerhalb des Biwaksackes hielt. Pause von den Mücken spendete ein kurzes Gewitter, mit Sturm und peitschendem Regen. Das war sehr sehr schön.
  2. Der Aufstieg zum höchsten Pass auf dieser Tour in Kroatien. Die Straße bergauf eine Baustelle, grober Kies, der für mein Brompton nicht gemacht war. Nur die schmale Regenrinne aus Beton war schon gelegt, und gab als einzige den Rädern ausreichend Halt, so musste ich über Kilometer bergauf balancieren, denn Schieben verbietet der Stolz.
  3. Der Badesee in Tschechien: Ein alter Steinbruch, glasklares Wasser, kühl und doch warm in der Abendsonne. Ich habe es genossen, die Salzkruste des Tages von der Haut zu schwimmen.
  4. Der Sieg der Kroaten über England – der Einzug in das Finale. Bengalische Feuer, und Donner der Böller überall. Ein echtes kroatisches Straßenfest!
  5. Der Kaffee in Sarajevo, überhaupt war Sarajevo die Entschädigung für alle Entbehrungen über die vielen Tage im Sattel. Die Minarette sorgen für orientalisches Flair, die Kaffeehäuser bringen Gemütlichkeit, und ein Buchladen mit zumindest englischer Belletristik hat mich erlöst. Nicht zuletzt die verschiedenen Böreks in den vielen kleinen Restaurants und das Streetfood übererfüllen selbst fortgeschrittene kulinarische Ansprüche.

Norddeutschland – noch mal eine Runde drehen

Von Klaipeda fahre ich mit der Fähre nach Kiel. Die 18 Stunden Fahrt sind so etwas wie eine verlängerte Nachtruhe bei einem sanftem Schaukeln. Unterbrochen wird diese nur durch das Buffet abends und morgens („All-you-can-eat“ macht heftige Bauchschmerzen, besonders wenn man „auf seine Kosten“ kommen möchte – dass ich immer noch so blöd bin).

Nach 2 tollen Tagen in Kiel mit den Geschwistern, Dönern und Bier an der Förde und im Biergarten fahre ich südwärts durch Schleswig Holstein und Niedersachsen in Richtung Osnabrück. In Norddeutschland grüßt man zu jeder Tageszeit mit „Moin“, und zwar grüßt jeder jeden. Das macht Spaß, und ich bin schnell mit Elan dabei, alle zu „Moinsen“, die mir entgegenkommen. Mir gefällt auch, dass mir die Holsteiner und Niedersachsen ständig zur Hilfe kommen, und den Weg erklären, selbst wenn ich nicht frage.

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Man ist überall Willkommen

Bekanntes wird hier in die Erinnerung gerufen, und Unbekanntes wirkt trotzdem so vertraut. Mein erstes Mal in Delmenhorst zum Beispiel – so habe ich es mir vorgestellt und so wie alles im Norden gefällt es mir wie immer und immer wieder aufs Neue.

Die Felder sind fast alle abgeerntet, so spät ist es schon im Jahr, trotzdem ist das Wetter wie für Radfahrer gemacht – nur die Nächte könnten ein kleines bisschen kälter sein. Aber da jammere ich auf höchster Stufe, immerhin regnet es nicht und die stetige steife Brise kühlt meinen Rücken. Die Straßen lassen zudem keine Ausreden zu, ich fahre jeden Tag weit über 100 Kilometer in Richtung der wärmenden Sonne.

Fährfahrten erlebe ich weiter als genussvolle Abwechslung und finde eine Elbfähre und eine Weserfähre als Alternative zu Brücken oder gar Tunneln. Die Elbfähre dauert fast eine Viertelstunde. An Bord wird Bockwurst mit Senf verkauft und ich sehe große Containerschiffe auf dem Weg in die weite Welt.


Nach zwei schönen Tagen mit meinem Vater bei Osnabrück fahre ich nach Osten weiter. Hinter Minden entdecke ich den Mittellandkanal als perfekte Fahrradroute von West nach Ost. Ruckelig sind die Schotterpisten auf beiden Seiten des Kanals zwar, aber entlang der Wasserstraße ist es gemütlicher und ich muss den Schiffen nicht ausweichen. Fröhlich spiele ich mit den Kähnen: die in meiner Richtung fahren oft in ihre Heimat nach Polen, Tschechien, Berlin und Hamburg und ich überhole sie immer und immer wieder; den Entgegenkommenden wünsche ich eine Gute Reise auf ihrem Weg nach Dortmund, Duisburg oder Amsterdam. Jedes Schiff hat einen Namen, meist sind es Frauennamen, doch eines heißt Hank und ich hätte so gern gewusst, wer sein Boot Hank getauft hat. Auf dem Mittellandkanal überqueren wir Weser, Leine und sogar die Elbe. An der Weserüberquerung war ich schon in einstelligem Alter auf einem Schulausflug. An der Elbe sind die Schleusen und Aufzüge für die Schiffe aber so groß dass ich in kindliches Staunen verfalle und das fotographieren vergesse.


Das „Wildcampen“ in Deutschland ist nicht mehr so entspannt wie in den anderen Ländern – dachte ich zuerst. Das tägliche Zeltaufbauen ist mir allerdings so vertraut, und das recht frühe Dunkelwerden gewährt zusätzlichen Sichtschutz vor Störern, dass die Nächte mir jeweils erholsamen Tiefschlaf gewährt haben. Und tatsächlich gibt es wunderschöne Plätze, die mich für jeweils eine Nacht und ein Frühstück beherbergt haben.


Der Elbe-Havel-Kanal als Fortsetzung des Mittellandkanals ist leider nicht mehr so radfahrerfreundlich, dass ich bald doch von der Wasserstraße abweiche. Für die letzte Nacht im Zelt auf dieser Reise finde ich einen der schönsten Plätze im Jerichower Land abseits der Straße auf einer großen Lichtung – der perfekte Platz zur Wildbeobachtung, wie ich meine. Leider lässt sich an diesem Abend und auch am nächsten Morgen keiner der vielen hier lebenden Wölfe blicken, aber Sonnenuntergang und Sonnenaufgang scheinen Portrait zu stehen für größere Gemälde. Am letzten Tag durch das Havelland, vorbei an den Seen bei der Stadt Brandenburg, Döbritzer Heide und Berlin Spandau. Und mit dem Rad bis vor die Haustür.