Per Express nach Europa – Zugfahrt durch die Mongolei und Sibirien

Die Tickets sind alle gebucht, das verlangt die russische Botschaft, dafür erhalte ich in Peking ein russisches Transitvisum für insgesamt 7 Tage. In diesen 7 Tagen werde ich von Peking durch die Mongolei und Sibirien bis nach Moskau (und von dort nach Tallinn) fahren. Einmal umsteigen in Ulan Ude. 127 Stunden reine Fahrtzeit. Stetes Rattern auf den Gleisen Tag und Nacht. Was freue ich mich darauf – wirklich!

Start in Peking

Einstieg in Peking ohne Probleme, ich habe mir auf chinesisch eine Erlaubnis für die Fahrradmitnahme ausstellen lassen. Die ersten 42 Stunden fahre ich zweiter Klasse, eine dritte Klasse wird in dem Touristenzug nicht angeboten. Der Samowar im Wagon wird tatsächlich noch mit Kohle betrieben. Das Abteil teile ich mir mit einem Belgier, der in der Mongolei mit einem Freund touren möchte. Lustig, seinen Freund kenne ich, er ist Radfahrer wie ich und wir haben uns schon in Albanien und im Iran getroffen und freie Zeit gemeinsam verbracht. Die Welt der Reisenden in dieser Region ist doch überschaubar. Das nördliche China ist grün und sehr hügelig, wir fahren durch viele Tunnel. In meinem Wagon kann ich die Fenster öffnen, bei den langsamen Geschwindigkeiten mich sogar nach draußen lehnen und den Fahrtwind spüren. Die ersten zwei Nächte stehen wieder Grenzkontrollen an. Zur Mongolei muss zusätzlich das Fahrwerk gewechselt werden, da die Schienen nicht mit den chinesischen kompatibel sind. Dafür werden die Wägen einzeln in eine riesige Halle gefahren und angehoben und das neue Fahrwerk untergeschoben. Das sind mehrere Stunden Arbeit und verlangt höchste Konzentration von allen Touristen, die mit dem Fotographieren gar nicht hinterherkommen. Außerdem stellt jedes Land seinen eigenen Restaurantwagen zur Verfügung, mit unterschiedlichem Angebot. In China gibt es sogar kostenlos Lunch und Dinner, wobei das eher ein Snack ist und wohl Appetit auf mehr machen soll. Für das lokale Bier muss ich extra zahlen.

Beim ersten  Sonnenaufgang im Zug werden wir durch die Wüste Gobi gefahren – karges Land bis zum Horizont – bevor die Wüste im Tagesverlauf langsam einer Graslandschaft weicht. Herden von Pferden, Kühen, Schafen, Ziegen und Kamelen ziehen vorbei, sowie vereinzelt Jurten der noch immer überwiegend nomadisch lebenden Mongolen in dieser Gegend. Ich halte  mich die meiste Zeit im mongolischen Restaurantwagen auf. Er ist reich verziert mit Holzschnitzereien, an den Wänden hängen mongolische Schilde und Waffen. Insgesamt werde ich hier mehr an Zugfahren im 19. als im 21. Jahrhundert erinnert. Das Essen macht satt, die Blicke auf die ewigen Weiten der Steppe machen angenehm träge, und dann ist die Grenze zu Russland erreicht.

Wüste Gobi:

Mongolische Steppe:

der mongolische Restaurantwagen:

In Ulan Ude steige ich aus und finde morgens im „Traveler Café“ erstes unzensiertes und rasend schnelles Wlan und ein erstes europäisches Frühstück (Toast, Bacon und Spiegelei) seit Monaten. Der Espresso schmeckt wirklich wie Espresso – welch wunderbarer Start in den Tag! In der Stadt wacht der große Lenin über eine Fest-Bühne und ein Festzelt. Ulan Ude wird 350: herzlichen Glückwunsch!

Ich fahre mit dem Bus zu einem buddhistischen Kloster (Ivolginski Datsan) außerhalb der Stadt, bestaune Gebetsmühlen und Tempel inmitten einem malerischen sibirischen Dorf. Später dann mit dem Fahrrad zurück in die Stadt, Gegenwind, leichter Regen, im Anschluss bin ich ganz schön müde.

Der Zug nach Moskau ist pünktlich. Ich habe „Platzkartny“ gebucht, das ist die 3. Klasse. In einem 54-Personen-Großraumabteil gibt es keine Türen, wenig Privatsphäre, dafür „echtes“ russisches Zugreisen. Im diesem Reich der Jogginghosen und FlipFlops wird gegessen, geschlafen, diskutiert, gewartet auf die Ankunft. Ein korrupter Schaffner möchte für mein Fahrrad eine Extragebühr, die direkt in seine Hemdtasche wandert. Etwas geistesgegenwärtiger hätte ich diese Gebühr ihm einfach verwehren sollen, denn das Gepäck stört niemanden, es ist mehr als genug Platz im Zug. Der arme Kerl nennt mich auch noch Faschist, ich nenne ihn Stalinist (ohne Konsequenzen, trotzdem doof, das mache ich nicht noch mal), danach laufen wir uns nur noch selten über den Weg.

Draußen passiert uns am ersten Abend der Baikalsee. Weiter fahren wir entlang der endlos erscheinenden sibirischen Birkenwälder. Die Bäume werden von Ost nach West langsam größer und bunte Blätter leiten schon den kurzen sibirischen Herbst ein. Ab Oktober fällt hier der Schnee. Sumpflandschaften, Getreidefelder und sibirische Dörfer mit Holzhäusern ziehen vorbei.

Baikalsee:

Blicke aus dem Fenster:

Diese Diashow benötigt JavaScript.

Die russische Bahn gewährt regelmäßige Stopps mit ausreichendem Aufenthalt, dass ich lokale Leckereien kaufen kann (Räucherfisch, Pelmeni, verschiedene Pasteten, Kartoffeln, eingelegte Gurken, frische Tomaten und Salat). Wir lassen Irkutsk, Krasnoyarsk, Novosibirsk, Omsk hinter uns.  Die Mitreisenden sind oft interessiert an dem Ausländer im Zug, manchmal finden wir sogar eine gemeinsame Sprache. Die Kommunikation ist aber oft wortarm; ich hadere mit meiner schlechten Russischvorbereitung – das Lehrbuch trage ich nun schon die gesamte Reise mit mir herum. Immerhin kann ich Fotos zeigen und mein Fahrrad präsentieren.

Transsib (10)

Nach drei Tagen sind schon Yekaterinburg und der Ural erreicht. An der geographischen Grenze zu Europa werden wir mit Regen empfangen, der mit langem Atem an die Scheiben prasselt. Ich lese, döse, denke und fotographiere. Schade, dass die Zugfahrt so kurz ist. Bis Moskau sind es nicht mal mehr 2000 Kilometer. Am letzten Abend der Fahrt setze ich mich noch mal in den Speisewagen. Ich esse Borschtsch und Soljanka, und vertrage mich dann noch mit dem korrupten Schaffner, der sich bei mir an den Tisch setzt und offensichtlich mit mir reden möchte. Alexej kommt aus Vladivostok, hat 4 Kinder und außerdem lange als Offizier bei der Armee gedient. Diese Strecke fährt er regelmäßig. Es scheint nicht, als ob die Zugfahrt ihm große Freude macht, aber ihm gefallen die Fotos von meiner Reise, das freut mich. Am diesem letzten Tag im Zug wird der Wagen noch mal voll, an jedem Halt steigen mehr Menschen ein als aus. Alle wollen nach Moskau. Der Wagon ist stickig, der Bordmechaniker hat mit den ausgefallenen Toiletten die ganze Nacht zu tun. Ich erwache früh und trinke Kaffee, um mich herum erwachen auch langsam die Mitreisenden. Und dann sind wir in Moskau.